"Nachtkrapp" könnte eine starke Schauergeschichte sein und ist doch nur ein verschenkter Tatort. Zuerst die Geschichte. Ein Landschulheim am Bodensee. Fußball, Kameradschaft, Kissenschlacht. Am Abend kommt der Pfarrer und öffnet im Jungenzimmer das Fenster, weil's so muffig riecht. Draußen aber geht der Nachtkrapp um, der sich hübsche kleine Jungs schnappt. Das geöffnete Fenster wirkt wie eine Einladung zu Missbrauch und Mord. Ganz in der Nähe lebt ein Kindermörder. Seine Strafe ist verbüßt. Kann er rückfällig geworden sein? Eva Matthes, die in der Rolle der Kommissarin Blum zur steingesichtigen Bodensee-Sphinx mutiert ist, hatte ihn seinerzeit nach streng polizeilicher Logik überführt.

Das ist die Fabel. Sie hätte für einen ­guten Krimi gereicht. Aber Drehbuch und Regie wollten ihre 90 Minuten mit vielen ­Nebengeräuschen aufpeppen. Da wird ein Schweizer Kommissar von vielschichtigem Charakter eingeführt – und am Ende so gut wie vergessen. Da wird vom Säntis-Massiv gefaselt, ohne es ins Bild zu rücken. Der Bodensee, in dem sich Schauder und Schrecken spiegeln könnten, ruht seicht im Nebel. Eine einzige ­Szene deutet an, welch spannendes Duell um Schuld, Sühne und Verzweiflung Eva Matthes und ihr Verdächtiger (brillant: Hansa ­Czypionka) hätten aufziehen können. ­Verschenkt. Detlef Hartlap

Foto: SWR/Peter Hollenbach