Starr (Amandla Stenberg, Mitte) besucht eine Schule im reichen Nachbarviertel, wo sie nur weiße Freunde wie Maya (Megan Lawless, links) und Hailey (Sabrina Carpenter) hat.
In der Verfilmung des gleichnamigen Jugendbuchbestsellers "The Hate U Give" wird struktureller Rassismus in Amerika einem jungen Publikum vielschichtig nahegebracht.

The Hate U Give

KINOSTART: 28.02.2019 • Drama • USA (2018) • 133 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The Hate U Give
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
USA
Budget
23.000.000 USD
Einspielergebnis
29.163.535 USD
Laufzeit
133 Minuten

Filmkritik

Hautnah am wahren Leben
Von Gabriele Summen

Struktureller Rassismus in Amerika, verhandelt in einem Coming-of-Age Drama: "The Hate U Give" gelingt das Kunststück, diese so unterschiedlichen Themenfelder zusammenzubringen.

Rassismus in Amerika war zuletzt immer wieder Thema in Hollywood. Was auffällt: Filme wie Kathryn Bigelows Drama "Detroit", die oscarnominierte Dramödie "Green Book" oder der ebenfalls für den Oscar nominierte Film "BlacKkKlansman" behandeln allesamt historische Stoffe. "The Hate U Give", die Verfilmung des gleichnamigen, mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Bestsellers von Angie Thomas, schlägt nun den Bogen in die Gegenwart. Das beeindruckende Coming-of-Age-Drama von George Tillman, Jr. ("Kein Ort ohne dich") rückt ein 16-jähriges Mädchen ins Zentrum und erzählt, basierend auf wahren Begebenheiten, vom noch heute grassierenden Alltagsrassismus in den USA.

Zum ersten Mal begegnet man der jungen Starr (Amandla Stenberg, "Die Tribute von Panem"), als ihr Vater Maverick (eindringlich verkörpert von Russell Hornsby) seinen Kindern zum wiederholten Male erklärt, was sie als Schwarze in einer weißen Welt beachten müssen. Maverick, ein stolzer Black-Panther-Anhänger, beschwört seine Kinder, bei einer Autokontrolle immer ruhig zu bleiben und ihre Hände sofort auf das Armaturenbrett zu legen. Eine Lektion, deren Wichtigkeit sich wenig später bewahrheiten wird.

Wenig später erzählt Starr dem Zuschauer von ihrem anstrengenden Doppelleben. Sie wächst in einem liebevollen Zuhause in einem Viertel auf, in dem hauptsächlich Schwarze leben. Kameramann Mihai Malaimare Jr. taucht diese Wohngegend in warme Farben, während er den Ort, an dem Starr zur Schule geht, in kühleren Tönen fotografiert. Hier hat Starr es vor allem mit weißen Mitschülern zu tun und muss sich täglich mit subtilem Alltagsrassismus auseinandersetzen. In diesem zweiten Leben hat sie sogar einen weißen Freund, den sie vor ihrem Vater geheim hält.

Dann aber holt sie ihre Herkunft mit aller Härte ein. Nach einer Party fährt Starr mit ihrem Kindheitsfreund Khalil (Algee Smith) nach Hause. Unterwegs geraten die beiden in eine Polizeikontrolle. Als Khalil eine unvorsichtige Bewegung macht, erschießt ihn ein junger Polizist ohne zu zögern.

Regisseur George Tillmann Jr. schont sein Publikum in dieser drastischen Szene nicht, sondern zeigt, wie Starrs gutmütiger Freund verblutet, während sie, von dem Polizisten gefesselt, hilflos dabei zusehen muss. Ähnlich wie Khalil ist es 2009 Oscar Grant ergangen, einem 22-jährigen unbewaffneten Schwarzen, der von einem Polizisten in den Rücken geschossen wurde – und dessen Tod Autorin Angie Thomas zu ihrem Buch inspiriert hat.

Sowohl Polizei als auch Medien beginnen sofort damit, Khalil, der für den Kleingangster King (Anthony Mackie) gedealt hat, als gefährlichen Kriminellen darzustellen. Die traumatisierte Starr muss sich nun in einem schmerzlichen Prozess entscheiden, ob sie lieber schweigen oder vor einer Jury aussagen will. Dafür müsste sie jedoch ihr sorgsam gepflegtes Doppelleben aufgeben und nicht zuletzt sich und ihre Familie in Gefahr bringen. Denn Gangsterboss King hat großes Interesse daran, den Vorfall unter den Teppich zu kehren.

Amandla Stenberg verkörpert die beiden miteinander im Streit liegenden Seiten von Starr derart überzeugend, dass der 133 Minuten lange, das komplexe Thema des strukturellen Rassismus auch für jüngere Menschen hautnah erfahrbar machende Film bis zur letzten Minute fesselt. Auch Algee Smith spielt sich in seiner kurzen Leinwandzeit in die Herzen der Zuschauer. Das Ende, auf das der Film zusteuert, mag zwar etwas plakativ geraten sein. Aber eines macht "The Hate U Give" deutlich: Rassismus ist mitnichten nur ein Problem der Vergangenheit.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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