Realität und Künstler-Utopie decken sich bei Kurator Christian (Claes Bang) nur selten.
Der Gewinner der "Goldenen Palme" 2017 in Cannes, "The Square", spielt in der Museums-Szene. Affenmensch Oleg (Terry Notary) ist ein "Kunstwerk" außer Kontrolle.

The Square

KINOSTART: 19.10.2017 • Komödie • S / D / DK / F (2017) • 151 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The Square
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
S / D / DK / F
Einspielergebnis
17.960 USD
Laufzeit
151 Minuten

Filmkritik

Ist das Kunst oder kann das weg?
Von Ute Nardenbach

Die Gesellschafts-Satire "The Square", Gewinner der "Goldenen Palme" 2017 in Cannes, ist böse, bitter und schreiend komisch zugleich.

Es läuft nicht so bei Christian, dem attraktiven Kurator eines großen Stockholmer Museums. Auf der Straße wird er beim – mehr oder weniger widerwilligen – Versuch, einer Frau beizustehen, bestohlen. Im Museum kehrt ein Putzmann ein teures Kunstwerk kaputt. Und privat muss er sich gegen hysterische Damen und Samenraub wehren. Um nur ein paar Highlights zu nennen. Dabei benötigt er doch eigentlich alle Energie, um seine neueste Installation "The Square" zu promoten ... Genau nach Plan lief's dagegen für den schwedischen Regisseur Ruben Östlund: Seine böse Gesellschaftssatire mit einem großartigen Claes Bang in der Hauptrolle sollte unbedingt nach Cannes. Das hat sie geschafft – und gleich die "Goldene Palme" abgeräumt. Nun kommt "The Square" in die deutschen Kinos.

Eine quadratische Installation namens "The Square" wird in das Kopfsteinpflaster im Museumshof eingelassen. Eine Plakette liefert dazu die Erklärung: "Das Quadrat ist ein Zufluchtsort, an dem Vertrauen und Fürsorge herrschen. Hier haben alle die gleichen Rechte und Pflichten." Aber auch nur da: Auf seinem Weg zur Arbeit lässt Christian, der Veranlasser der Installation, in seinem feinen Zwirn Bettler, Obdachlose und Spendensammler links liegen. Erst als ihm Handy und Brieftasche geklaut werden, schenkt Christian denen, denen es nicht so gut geht, seine volle Aufmerksamkeit: In seinem "Tesla der Gerechtigkeit" zur Musik von "Justice" fährt er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Michael (Christopher Læssø) zu einer tristen Hochhaussiedlung, in der sein Handy geortet wurde, und verteilt Drohbriefe. Die Aktion hat Erfolg. Aber leider auch üble Nebenwirkungen.

Unterdessen stellt sich die Frage: "Wenn man etwas in ein Museum stellt, wird es dann zur Kunst?" Egal. Hauptsache es funzt. Damit "The Square" so richtig "viral geht", hat das Museum zwei dubiose Social-Media-Marketing-Fuzzis angeheuert. Deren Video-Strategie rund um ein "blondes Bettelkind" lässt Böses erahnen, aber leider ist Christian zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, um ihnen zuzuhören. So nimmt das Unheil seinen Lauf ... und der Kultur-Schnösel tut dem Zuschauer leid.

Warum? Weil er nicht gut ist und nicht schlecht. Weil er es gut meint und schlecht macht. Weil er eben ein bisschen so ist wie wir alle. Wer ist schon perfekt? Aber jeder könnte besser sein. "Wollen wir Privilegierte hier irgendetwas aufgeben, damit es anderen Leuten besser geht? Das ist eine unheimlich interessante Frage", findet Claes Bang. "Der Film ist ein Schnappschuss, eine Momentaufnahme davon, wie die Gesellschaft in Westeuropa gerade aussieht. Wir können uns selbst entscheiden, ob es so gut oder schlecht ist."

Herrlicher Kampf ums Kondom

Den erhobenen Zeigefinger gibt es in "The Square" in der Tat nicht. Wohl aber werden die Missstände in unserer modernen westlichen Gesellschaft mehr als deutlich gezeigt. Es wird dem Zuschauer nicht mehr wirklich überlassen, diese selbst zu bewerten. Das ist mitunter zu moralisch, dabei aber keineswegs nur düster, sondern manchmal auch schreiend komisch. Wie beim Interview eines berühmten Künstlers (Dominic West), der das Pech hat, dass ein Zuschauer unter dem Tourette-Syndrom leidet. Oder beim befürchteten Samenraub nach dem Geschlechtsakt. Herrlich, wie Christian gegen One-Night-Stand Anne (Elisabeth Moss, "The Handmaid's Tale") um sein Kondom kämpft.

Ein bitterer Nachgeschmack bleibt nach dem Abspann dennoch. Wie gut oder schlecht bin ich? Wie würde ich handeln? "Filme können dazu führen, dass wir gesellschaftliche Konventionen und alles, was wir als selbstverständlich erachten, kritisch zu hinterfragen beginnen", erklärt Regisseur Östlund. "Ich jedenfalls freue mich immer enorm, wenn mir jemand berichtet, dass er mit seinen Freunden die ganze Nacht über meinen Film diskutiert hat. Denn dann ist es meinem Film gelungen, auch außerhalb des Kinosaals zumindest einen kleinen Moment der Veränderung auf den Weg zu bringen."

Quelle: teleschau – der Mediendienst

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