"A Beautiful Day" wurde bereits im vergangenen Jahr im Rahmen der 70. Filmfestspiele in Cannes gezeigt und nahm am offiziellen Wettbewerb teil. Dort unter dem Originaltitel "You Were Never Really Here" – dem Namen der großartigen Novelle von Jonathan Ames, die als Vorlage des Films diente. Dieses knapp 100-seitige Werk wurde so nah und großartig umgesetzt, dass es dem Zuschauer oft die Luft zum Atmen nimmt. Das liegt einerseits an Phoenix' großartiger Charakterumsetzung, andererseits an einer Geschichte, die einem durchgehend die Nackenhaare aufstellt.

Joe (Joaquin Phoenix) ist ein abgehalfterter ehemaliger FBI-Agent und Kriegsveteran, der mit seiner Mutter (Judith Roberts) in New York City lebt. Geplagt von posttraumatischem Stress, versucht er, sich so gut es geht durchs Leben zu schlagen. Sein Geld verdient Joe damit, für die Reichen und Mächtigen eine Dienstleistung anzubieten, die es in sich hat: Er befreit deren Kinder aus Prostitutions- und Menschenhandelsringen. Der aktuelle Auftrag treibt Joe an seine Grenzen: Er soll die kleine Nina (Ekaterina Samsonov), Tochter des Senators Votto (Alex Manette), aus den Fängen von Bordellbetreibern retten. Joe erfährt Dinge, die selbst einem so hartgesottenen Kerl an die Substanz gehen.

Dunkle Parallel-Welt

Immer an der Grenze des Ertragbaren erzählt Lynne Ramsay, die sich der Adaption sowohl als Drehbuchautorin als auch als Regisseurin angenommen hat, die Geschichte von Joe und vor allem die einer dunklen Parallel-Welt mitten in der oberen Gesellschaftsschicht. Als kaputten und verwahrlosten Kerl lernt man Joe zunächst kennen. Man wird nicht so recht mit ihm warm, er selbst wird es offensichtlich auch nicht.

Immer wieder wird Joe geplagt von Flashbacks, versteckt sich im Schrank und zieht sich zur Verdrängung harter Kindheits- und Kriegserinnerungen in eine Plastiktüte zurück, die ihn an den Rand der Bewusstlosigkeit bringt. So viel Leid in einer Person kann Joe nur zu einem Menschen werden lassen, dem alles egal ist. Bis auf seine Mutter. Die extreme Fürsorge für sie steht in extrem starkem Kontrast zu seiner Abgeklärtheit und Brutalität, die er für seinen Job braucht.

Gebrochenheit und unstillbare Wut

Während der Plot stark reduziert daherkommt und sich wirklich nur auf das Nötigste konzentriert, schafft es Joaquin Phoenix, unglaublich viel Geschichte in Joe hineinzulegen. Und das, obwohl man kaum etwas über den Protagonisten erfährt. Sein Körper spricht Bände, ebenso sein Ausdruck, und beherbergt eine Paarung aus Gebrochenheit und unstillbarer Wut. Phoenix ist so wandelbar wie kaum ein anderer Hollywood-Schauspieler und die Intensität, mit der er Joe verkörpert, beweist das einmal mehr. Auch Ekaterina Samsonov, beim Dreh gerade einmal 13 Jahre alt, muss man viel Lob aussprechen. Die Zerbrechlichkeit und gleichzeitige Unnahbarkeit von Nina werden so intensiv dargestellt, dass es einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Der Zuschauer ist häufig brutalster Gewalt auf vielen Ebenen ausgeliefert. Lynne Ramsay schafft es aber vor allem durch nicht Gezeigtes und einen großartigen Antihelden, eine Atmosphäre zu schaffen, die unbequem ist. Und dennoch saugen die kurzen 90 Minuten den Zuschauer so sehr ein, dass der Film noch sehr lange nachbebt. "A Beautiful Day" ist ein Meisterwerk, das mit seiner Nähe und Brutalität eine unglaubliche Atmosphäre erzeugt, der man sich nur schwer entziehen kann.

Quelle: teleschau – der Mediendienst