Qiao (Zhao Tao) reist durch ein China im Umbruch.
In "Asche ist reines Weiß" erzählt Regisseur Jia Zhangke eine Gangsterballade aus der chinesischen Provinz.

Asche ist reines Weiß

KINOSTART: 28.02.2019 • Drama • CHN (2018) • 135 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Jiang Hu Er Nü
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
CHN
Laufzeit
135 Minuten
Regie

Filmkritik

Zurück ins Leben
Von Christopher Diekhaus

In seinem melancholischen Liebesdrama "Asche ist reines Weiß" lässt Jia Zhangke seine Hauptfigur durch ein Wechselbad der Gefühle gehen. Ganz nebenbei gibt der Filmemacher Einblicke ins China von heute.

Nicht zufällig eröffnet der chinesische Regisseur und Drehbuchautor Jia Zhangke ("A Touch of Sin") sein 2018 in Cannes uraufgeführtes Liebesdrama "Asche ist reines Weiß" mit einer Busfahrt. Dokumentarisch studiert die Kamera die Gesichter der Reisenden und rückt irgendwann die Hauptfigur Qiao (Zhao Tao, die Gattin des Regisseurs) in den Blick. Anfangs hat die junge Frau noch einen festen Platz im Leben. Ein einschneidendes Ereignis verwandelt sie jedoch in eine mittellose, gebeutelte Überlebenskämpferin, die auf der Suche nach neuem Halt durch die Lande streift. Busse, Züge und Schiffe sind ihre Fortbewegungsmittel und werden zu einem Symbol einer melancholischen, schmerzhaften Odyssee.

Dass Qiao für ihre beschwerliche Reise charakterlich gewappnet ist, zeigt schon der im Jahr 2001 spielende erste Akt des Films. Ihrem Partner, dem einflussreichen Provinz-Gangster Bin (Liao Fan), begegnet sie auf Augenhöhe. Und wie selbstverständlich bewegt sie sich in einem von Männern dominierten Umfeld. Auch wenn sie oft mit am Tisch sitzt, die Nächte ausgelassen durchfeiert, sieht sich Qiao – so sagt sie an einer Stelle – nicht als Teil der Unterwelt. Ein Trugschluss. Denn als eine aufstrebende Jugendgang Bin attackiert, schlägt sie die Angreifer mit Warnschüssen in die Flucht und wird daraufhin verhaftet. Weil der Besitz einer Schusswaffe in China verboten ist und Qiao ihren Freund nicht an den Pranger stellt, verbringt sie die nächsten fünf Jahre hinter Gittern. Nach ihrer Entlassung will sie Bin ausfindig machen und ihre alte Liebe wieder auffrischen.

Bereits im ersten Drittel des Liebesdramas liegt über den stimmungsvollen Bildern von Kameramann Éric Gautier ("Vor uns das Meer") ein Hauch von böser Vorahnung. Die Beziehung der starken und selbstbewussten Qiao und des Verbrechers Bin ist geprägt von gegenseitiger Zuneigung und großer Loyalität, wirkt gleichzeitig aber auch höchst fragil. Nicht umsonst regt Qiao in einer nachdenklichen Szene einen Neustart fernab des Gangstermilieus an.

Rohe Gewalt kommt plötzlich

Nachdem Regisseur Jia den Zuschauer behutsam in den Alltag seiner Protagonisten eingeführt hat, zertrümmert er ihr kleines Glück auf brachiale Weise. Geradezu schockartig bricht die Gewalt über den Zuschauer herein und sorgt mit ihrer rohen Kraft für handfeste Beklommenheit. Sichtlich gezeichnet von dem Vorfall und seinen Konsequenzen ist auch Qiao. Ihre blassen Züge und ihre traurigen Augen verraten, dass die Zeit im Gefängnis anstrengend und kräftezehrend war. Umso erstaunlicher, wie zäh und stur sie sich nach ihrer Freilassung darum bemüht, wieder Fuß zu fassen. Trotz harter Rückschläge kämpft sie um eine zweite Chance, schlägt sich mit kleinen Gaunereien durch und erobert sich Stück für Stück ihre Würde zurück. Ganz anders Bin, der zunehmend gebrochen erscheint. Ein Abziehbild seines früheren, schillernden Gangster-Ichs.

"Asche ist reines Weiß" zieht vor allem deshalb in den Bann, weil Hauptdarstellerin Zhao Tao das Innenleben Qiaos kraftvoll, eindringlich und nuanciert zum Ausdruck bringt. Den losgetretenen Emotionen kann man sich nur schwer entziehen. Und die Beharrlichkeit der Hauptfigur lässt einen auch nach dem Film für längere Zeit nicht los.

Wie in vielen seiner vorherigen Werke gelingt es Jia Zhangke zudem, den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel Chinas in seine bittere Liebesgeschichte einzubinden. So spiegelt sich das Erstarken des Kapitalismus in vielen Randbegebenheiten wider: Die Bergbauindustrie steht vor gravierenden Umbrüchen. Bin versucht sich als rechtschaffener Geschäftsmann. Und Qiao reist durch einen Landstrich, den im Zuge des Drei-Schluchten-Damm-Projektes Umsiedlungen und Flutungen prägen. Vieles ist in Bewegung. Das Leben verändert sich. Genauso wie die Mobiltelefone, die in der bis in die Gegenwart hineinreichenden Erzählung immer handlicher und funktionstüchtiger werden. Der Lauf der Dinge, im Kleinen eingefangen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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