Das Ehepaar Wang Liyun (Yong Mei) und Liu Yaojun (Wang Jingchun) durchlebt die Höhen und Tiefen der chinesischen Geschichte am eigenen Leib.
"Bis dann, mein Sohn" ist die Chronik einer Familie und gleichzeitig die Geschichte Chinas der letzten Jahrzehnte.

Bis dann, mein Sohn

KINOSTART: 14.11.2019 • Drama • CHN (2019) • 185 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Di jiu tian chang
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
CHN
Filmstudio
Dongchun Films, Hehe Pictures
Budget
125.000 USD
Laufzeit
185 Minuten
Regie
Χρήστος Βουδούρης
Music
Yingda Dong
Kamera
Kim Hyun-seok, Χρήστος Βουδούρης

Filmkritik

Im Würgegriff des Lebens
von Sven Hauberg

Familiengeschichte und Historie eines Landes zugleich: Das großartige Drama "Bis dann, mein Sohn" zeigt, wie Mensch und System in Konflikt geraten und wie trotzdem Raum für Hoffnung bleibt.

Wang Xiaoshuais meisterhaft komponiertes Drama "Bis dann, mein Sohn" beginnt mit einer Katastrophe. An einem Stausee, irgendwo im staubigen Norden Chinas, ertrinkt Xingxing, der einzige Sohn der Metallarbeiter Liu Yaojun und Wang Liyun. Mit seinem besten Freund Haohao war er am Spielen, wollte gar nicht mit ins Wasser. Doch Haohao überredet ihn – ein paar Worte nur, die ihn mit einer Schuld beladen, die er nicht mehr loswerden wird, sein Leben lang. "Bis dann, mein Sohn" erzählt eine Geschichte von Schuld und Sühne, von Freundschaft und Familie, und ganz nebenbei auch noch die Geschichte eines Landes. Über mehrere Jahrzehnte, vom Ende der 70er-Jahre bis in unsere Gegenwart, lässt Regisseur Wang seine Protagonisten die Höhen und Tiefen des Lebens durchleiden, die immer auch verbunden sind mit den Geschicken und dem Aufstieg Chinas.

Einige Jahre vor Xingxings tödlichem Unfall begegnen wir der jungen Familie inmitten einer Zeit des Umbruchs. Anfang der 80er-Jahre ist Mao endlich tot und das Land dabei, nach Jahrzehnten in Fesseln wieder durchzuatmen. Man tanzt zu westlicher Musik, gibt sein Erspartes für importierte Kassenrekorder aus. Liu Yaojun (Wang Jingchun) und Wang Liyun (Yong Mei) leben in einem Arbeiterwohnheim, in einem kleinen Zimmer nur, gekocht wird gemeinsam auf dem Gang. Doch der Drang, mehr zu sein als ein Rädchen im Betrieb, ist groß. Auf einmal, ein paar Jahre nach der Kulturrevolution, die alles zerstört hatte, ist das Bedürfnis groß, ein Individuum zu sein. Doch das System ist hart. Als Wang Liyun zum zweiten Mal schwanger wird, drängt sie die Leiterin ihres Betriebs zu einer Abtreibung. Jahre später wird die Frau an dieser Schuld fast zerbrechen.

Anfang der 90er dann der nächste Umbruch. "Wir leben jetzt in einer Marktwirtschaft", heißt es auf einer Betriebsversammlung, und plötzlich sind alle ohne Job. Liu Yaojun und Wang Liyun ziehen weiter, verlassen den Norden und gehen in eine Hafenstadt in Fujian, an der Ostküste des Landes. Sie sind fremd hier, verstehen den Dialekt und auch die Gebräuche nicht. Doch sie finden auch hier ihr Glück: Xingxing – so wie einst ihren Sohn – nennen sie den Waisenjungen, den sie adoptieren.

Irgendwann kommt der dreistündige Film dann im Heute an – in einem China, das Liu Yaojun und Wang Liyun kaum wiedererkennen, als sie für einen Verwandtenbesuch wieder in den Norden reisen. Kaum ein Gebäude steht noch, nur das alte Wohnheim, in dem sie einst lebten, hat den Modernisierungswahn überdauert. Und auch das Grab ihres ertrunkenen Sohnes ist noch da. Immerhin, die Toten lässt der gnadenlose Wandel in Ruhe schlafen.

Es ist nicht immer leicht, dieser epischen Geschichte zu folgen. Wang Xiaoshuai erzählt vom Leben seiner Protagonisten nicht chronologisch, sondern zerstückelt es in einzelne Episoden, die er vermischt und neu arrangiert. Doch um eine kohärente Handlung geht es ihm gar nicht. Vielmehr sind die Vignetten, die er in fantastischen Bildern auf die Leinwand bannt, kurze Schlaglichter auf ein Land im Umbruch und darauf, was es mit seinen Menschen macht. Wenn sich die Gesellschaft wandelt, dann gibt es für den Einzelnen kein Entkommen, so die zutiefst humanistische Botschaft von "Bis dann, mein Sohn".

Wang Xiaoshuai, zusammen mit Jia Zhangke ("Asche ist reines Weiß") der vielleicht wichtigste chinesische Regisseur der Gegenwart, ist ein gnadenloser Beobachter und ein sehr genauer Chronist. Der 53-Jährige gewann 2001 für "Beijing Bicycle" den Silbernen Bären der Berlinale, und wie damals vermischt er auch in seinem neuen Film strengen Realismus mit Momenten von großer Schönheit und Poesie. All das, was man über China liest, in schlauen Büchern und Zeitungsartikeln, macht er mit seinen Filmen greifbar. In "Bis dann, mein Sohn" helfen ihm dabei zwei fantastische Schauspieler: Wang Jingchun, der Vater, und Yong Mei, die Mutter, wurden beide auf der diesjährigen Berlinale als beste Darsteller geehrt. Sie geben dem Wandel, den ihr Land in den letzten Jahren durchgemacht hat, ein menschliches Gesicht. Ihnen dabei zuzusehen, ist lehrreich und berührend zugleich.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Weitere Darsteller
Χρήστος Βουδούρης Yong Mei Χρήστος Βουδούρης Du Jiang Ai Liya Li Jingjing Xu Cheng Χρήστος Βουδούρης Zhaoyan Guozhang Shuang Wu Χρήστος Βουδούρης

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