Ein Hin und Her zwischen Ausreißen und nicht Wegkönnen: Tom Sommerlatte spinnt mit "Bruder Schwester Herz" eine Geschichte über ein ganz besonderes Geschwisterverhältnis.

Die Verbindung zwischen Geschwistern ist etwas ganz Besonderes. Während Freunde oft kommen und gehen, bleiben Geschwister ein Leben lang. Und auch, wenn sie sich mal voneinander entfernen, ist da trotzdem immer ein Band, das sich nicht so schnell zerreißen lässt. Filme wie "Der Wein und der Wind", "Simpel" oder "All My Loving" beschäftigten sich in den letzten Jahren mit dem besonderen Verhältnis zwischen Brüdern und Schwestern. Und auch Regisseur Tom Sommerlatte schuf mit "Im Sommer wohnt er unten" (2015) ein bewegendes Geschwisterdrama. Nun wagt er sich mit der Tragikomödie "Bruder Schwester Herz" erneut an das Thema.

Sein Film erzählt von Franz (Sebastian Fräsdorf) und Lilly (Karin Hanczewski), die auf dem Hof ihres Vaters (Wolfgang Packhäuser) wohnen und dort gemeinsam eine Rinderzucht betreiben. Franz ist glücklich mit seinem Leben: Er verbringt seine Zeit gerne auf dem Pferderücken, in der Kneipe oder mit einer hübschen Dame im Bett. Seine Schwester Lilly genießt das Cowboy-Dasein zwar auch, doch ihr fehlt etwas. Was genau das ist, versteht sie erst, als sie den Hippie Chris (Godehard Giese) kennenlernt, der mit seiner Band auf der Dorfkirmes spielt und mit dem sie recht schnell anbandelt – sehr zum Leidwesen ihres Bruders. Während Lilly die Veränderung genießt, nach der sie sich so lange gesehnt hat, wird Franz immer stiller. Seine extreme Eifersucht sorgt für dicke Luft.

Nach einem heftigen Streit ist Lilly plötzlich weg – und Franz am Boden zerstört. Nun muss er von heute auf morgen alleine den Hof führen und den Vater versorgen. Bald entwickelt er sich vom entspannten Cowboy zum verbitterten Hofherren. Als Lilly dann zum Geburtstag ihres Vaters zurückkehrt, ist der Konflikt vorprogrammiert.

Die Begegnungen zwischen den Geschwistern verlaufen oft recht wortkarg in "Bruder Schwester Herz". Vielleicht fehlt ihnen deswegen auch etwas an Tiefe – viel steht nur zwischen den Zeilen. Doch dank der herausragenden schauspielerischen Leistung seiner Darsteller schafft es Regisseur Tom Sommerlatte trotzdem, die sehr facettenreiche Beziehung zwischen den Geschwistern zu beschreiben. Sie reicht von unzertrennlicher, treuer und tiefer Liebe bis hin zu genervter Aggressivität. Jeder hat seine eigenen Wunschvorstellungen, die sich jedoch stark voneinander unterscheiden: Während der sture Kindskopf Franz am liebsten alles so belassen würde, wie es ist, will sich Lilly losreißen – von den eingefahrenen Strukturen und Verpflichtungen auf der Farm, aber auch von dem eintönigen und langweiligen Leben mit ihrem Bruder. Doch kann sie wirklich loslassen?

Spannend ist dabei der Perspektivwechsel: Während man am Anfang des Films voll und ganz verstehen kann, dass Lilly ihr Leben ändern will, entwickelt sich der alleingelassene Franz in der zweiten Hälfte des Films zum Sympathieträger. Die beiden Darsteller Karin Hanczewski und Sebastian Fräsdorf treten dagegen wie ein eingespieltes Team auf – nicht zuletzt, weil sie bereits in "Im Sommer wohnt er unten" zusammen vor der Kamera standen. Trotzdem wirkt "Bruder Schwester Herz" an manchen Stellen leicht überzogen. Auch die Sturheit der zwei Geschwister ist manchmal unerträglich, besonders, als Lilly wieder zurückkehrt auf den Hof des Vaters.

Über dem Geschehen des Films mit den leichten Westernelementen hängen Wehmut und eine tiefe Sehnsucht nach alten, unbeschwerten Kindheitstagen, in denen mit den Eltern noch alles in Ordnung war und noch nicht die Last des Hofes auf Franz' und Lillys Schultern lag. "Bruder Schwester Herz" ist gleichzeitig ein mit leichter Hand inszenierter Film, der zeigt, worauf es im Leben ankommt. Regisseur Tom Sommerlatte beschreibt es so: "Wir Menschen brauchen immer ein gewisses Maß an Problemen, um uns nicht zu langweilen, und ein gewisses Maß an Heiterkeit, um nicht depressiv zu werden. Wir Menschen sind halt sehr widersprüchlich."


Quelle: teleschau – der Mediendienst