Oliver Masucci spielt den bayerischen Regisseur Rainer Werner Fassbinder als Gegenkultur-Diktator par excellence.
"Enfant terrible" zeigt Rainer Werner Fassbinder als Filmemacher zwischen Genie und Wahnsinn.

Enfant terrible

KINOSTART: 01.10.2020 • Biographie • D (2020) • 135 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Enfant Terrible
Produktionsdatum
2020
Produktionsland
D
Laufzeit
135 Minuten

Filmkritik

Das wilde Leben des Rainer Werner Fassbinder
Von Christian Gehl

Er war der Bürgerschreck par excellence: Der barocke Bayer Rainer Werner Fassbinder drehte Filme im Akkord und kannte auch im Leben nur die Überholspur. Oskar Roehler zeigt ihn in "Enfant terrible" als den Rockstar, den Deutschland niemals hatte.

In den 70er- und 80er-Jahren war Rainer Werner Fassbinder medial allgegenwärtig. Ob man seine Filme mochte oder nicht, im Gespräch waren sie immer. Das hat sich seit der Jahrtausendwende doch sehr geändert. Wer bezieht sich denn noch auf ihn, das große enfant terrible des deutschen Films? Im Grunde ist Fassbinder ziemlich vergessen worden, wie überhaupt der künstlerisch ambitionierte Film jener Jahre ein wenig in Verruf geriet: zu statisch, zu gestelzt, zu theatralisch sind die Werke von Godard, Chabrol, Antonioni, und ja, auch die von Fassbinder im Vergleich mit dem modernen Kino, das ganz auf realistische Charaktere setzt.

Umso mehr ist Oskar Roehler für das zu bewundern, was ihm mit seinem Film "Enfant terrible" gelungen ist: Interesse für Fassbinder und seine Filme zu wecken. Denn statt ein Biopic abzuliefern, das den Künstler aus der Distanz beobachtet, steigt Roehler tief ein, zeigt viel Verständnis und Empathie für einen manischen Arbeiter und Süchtigen.

Von der ersten Szene an dominiert der Drang zu inszenieren den bayerischen Egomanen (glaubwürdig verkörpert von Oliver Masucci). Erst in kleinen Off-Theatern, wo er seine Crew unablässig drangsaliert und anschreit, dann auch beim Film. Immer weiter, immer mehr, nie ist ihm etwas gut genug, so zeigt Roehler seinen Protagonisten. Und auch wenn seine Crew darunter leidet: Low-Budget-Filme wie "Liebe ist kälter als der Tod" und "Katzelmacher" bringen Fassbinder die Aufmerksamkeit und damit Aufträge des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ein. Sein Ruhm steigt und gipfelt erst einmal im Kritikerpreis bei den Filmfestspielen in Cannes 1974 für sein gesellschaftskritisches Melodrama "Angst essen Seele auf".

Doch das interessiert Roehler eigentlich nur am Rande, dient mehr als Haltestange für die Zuschauer, die diese Filme vielleicht vor Augen haben. Im Zentrum von "Enfant terrible" stehen die persönlichen Beziehungen von Fassbinder, sein berühmter Clan (exzellent gespielt von Hary Prinz, Katja Riemann, Michael Klammer, André Hennicke und anderen), der bei Roehler vollkommen unter der Kuratel des Regisseurs steht.

Dass dabei alles in künstliche Farben getaucht ist und die Schauspieler stets vor bemalten Kulissen spielen oder in bühnenartig ausstaffierten Räumen, daran muss man sich allerdings erst einmal gewöhnen. Doch schon nach wenigen Minuten wirkt Roehlers Manie, ständig Sets zu zeigen, die wie aus dem Theater aussehen, vollkommen selbstverständlich, ja, bedingt durch die Figur Fassbinder sogar notwendig. Der hat das Leben und die Kunst wohl vor allem als großes Drama gesehen, als eines, in dem der Exzess in jeder Hinsicht regiert. Daran lässt Roehler keinen Zweifel. Fassbinder brüllt sich durch den Film, schmeißt seine engsten Mitarbeiter raus, beleidigt sie in großem Stil, ist ausschließlich mit einer brennenden Zigarette in der Hand zu sehen, hat Sex in Schwulenclubs, dann kommt Kokain dazu, und all das, während seine Kommune immer größer wird. Alle leben sie zusammen, die Schauspieler, die Produzenten, die Liebhaber, irgendwann sogar die Kinder seines tunesischen Freundes Salem (Erdal Yildiz).

Und hier schlägt die Sympathie des Zuschauers für diese barocke Figur, die jeden Tag alles aufs Spiel zu setzen scheint, dann doch in nacktes Entsetzen um: Fassbinder fährt mit Salem nach Algerien und entführt dort vor den Augen seiner Frau dessen zwei kaum halbwüchsigen Söhne. Aber in Deutschland kann der große Filmemacher dann nichts mit diesen Kindern anfangen, die auch noch die Frechheit besitzen, inmitten der ganzen Künstlerelite um den Tisch zu tollen. Das wird Fassbinder zu viel, er muss schließlich proben!, und kurzerhand sperrt er die Kinder im strömenden Regen auf dem Balkon aus. Das wischt Roehler nicht einfach weg, er lässt es stehen, Fassbinder als unbeherrschter Menschenquäler, der nicht davor zurückschreckt, Kinder zu misshandeln. Und es gibt noch mehr Szenen, die schockieren: Salem und ein weiterer Liebhaber bringen sich um, und die Schuld daran, so inszeniert es Roehler, trifft eindeutig Fassbinder.

Geschickt verbindet "Enfant terrible" Privates mit Beruflichem, wechselt ständig hin und her zwischen den sexuellen Abenteuern Fassbinders und seinen kreativen Höhenflügen, zeigt ihn als Choleriker und Kokain-Süchtigen, als Bürgerschreck par excellence, aber auch als Filmemacher, dem seine Stoffe stets Herzensangelegenheiten sind. In einer großartigen Szene unterhält Fassbinder sich während einer Pressekonferenz mit Andy Warhol (kurz, aber eindrucksvoll: Alexander Scheer) und gibt dem fassungslosen Pop-Art-Star schwer zu denken, als er bekennt: "Ich gehe immer dahin, wo es weh tut."

Dass der Zuschauer dies nicht als leere Macho-Floskel versteht, sondern als tief empfundenes Sendungsbewusstsein eines an der Welt leidenden Künstlers, das ist Oskar Roehlers großes Verdienst an diesem Film, der den Regisseur nach einer eher mittelmäßig inspirierten Periode wieder auf der Höhe seines Schaffens zeigt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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