In einer Welt, in der alle Menschen auf maximale Leistung optimiert werden, träumt ein empfindsamer Rebell von der Freiheit: "Jugend ohne Gott" ist eine nicht gerade zimperliche Adaption des Romanklassikers von Ödön von Horváth.

Am liebsten würde Zach (Jannis Niewöhner) nur die Augen schließen. Dann kann er sich eine Welt vorstellen, in der alle gleich sind, in der niemand kämpfen muss – nicht um sein Leben, nicht um Besitz, nicht um Gerechtigkeit. Eine Welt ohne Neid und Missgunst. Aber leider muss Zach die Augen immer wieder öffnen und sieht eine "Jugend ohne Gott" – in einer ziemlich düsteren und kalten Zukunftsvision, die der Schweizer Regisseur Alain Gsponer ("Heidi") aus dem gleichnamigen Jugendbuchklassiker des östereichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth machte.

1937 hatte von Horváth den Roman "Jugend ohne Gott" veröffentlicht und darin gezeigt, wie sich die Jugend den faschistoiden Tendenzen der Gesellschaft anpasst und ihre Moral opfert. Ein zeitloses Thema, das Gsponer mit seinen Drehbuchautoren Alex Buresch und Matthias Pracht in ein dystopisches Gleichnis über die moderne Leistungsgesellschaft übersetzte, mit einer Art LTI – Victor Klemperers Analyse der Nazi-Sprache – der Leistungsgesellschaft als Umgangston.

Der Stärkere gewinnt

Sie verfrachten den empfindsamen Schüler Zach zusammen mit seinen Klassenkameraden in ein Bootcamp in den Alpen. Dort sollen die Jugendlichen in Extremsituationen ihre Eignung für eine Eliteuniversität beweisen. So die offizielle Sprachregelung. In Wirklichkeit sollen sie einfach nur ihre Ellenbogen einsetzen und die Konkurrenz aus dem Wald kegeln, was dann auch zu einem Mord führt. Der Stärkere gewinnt. Punkt.

Damit hat Zach ein offensichtliches Problem und sein Lehrer (Fahri Yardim) ein verstecktes. Der Pädagoge ist einer der wenigen guten Menschen und so integer, wie es ihm möglich ist in einem System, dessen Fundament aus Angst und Anpassung besteht. Das hört sich alles nicht nur nach "Die Tribute von Panem" an, das sieht auch manchmal so aus. Zumal es Sektoren gibt, in denen die Menschen je nach Kastenzugehörigkeit leben dürfen oder dahinvegetieren müssen, und eine Liebesgeschichte zwischen Zach und der hübschen Rebellin Ewa (Jannis Niewöhners Ex-Freundin Emilia Schüle) gibt es auch.

Verlogen, kalt, auf Leistung getrimmt: Die Zukunft ist natürlich jetzt, und Gsponer macht keinen Hehl daraus, dass er die Gegenwart mindestens befremdlich findet. Womit er natürlich Recht hat. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Kluft zwischen den Gesellschaftsschichten immer größer wird, optimierte Eliten herangezüchtet werden, Andersdenkende ausgegrenzt werden, dass Empathie und Solidarität zu immer blasser werdenden Erinnerungen des gesellschaftlichen Bewusstseins degradiert werden.

Schon fast beleidigend

Aber deswegen muss man doch nicht gleich den Intellekt des Kinopublikums anzweifeln. Es ist fast schon beleidigend, wie sehr "Jugend ohne Gott" vor allem das Zielpublikum unterschätzt. Jede Szene ist eine Ermahnung: "Ich hab's euch doch gesagt, dass das alles hier wirklich schlimm ist" bellt es von der Leinwand, wenn Anna Maria Mühe als eiskalte Assessement-Beauftragte viel Spaß bei der Auslese wünscht, wenn der abgebrühte Titus (Jannik Schümann) suboptimale Klassenkameraden mobbt, wenn alles überwacht und analysiert wird. Nein, zimperlich ist Gsponer nicht in der Art und Weise, wie er seine Botschaft unters Volk bringt.

Das Plakative nimmt seinem Film die Eleganz, zu der Gsponer durchaus bereit war. Er erzählt die Geschichte in drei verschachtelten Akten, jeweils aus einer anderen Perspektive. Da ist natürlich Zach, der sich in keine Kategorie pressen lassen will und sich traut, nach dem Selbstmord seines Vaters emotional mitgenommen zu sein. Da ist die Streberin Nadesch (Alicia von Rittberg), die sich unbedingt in die Leistungselite kämpfen will.

Und da ist der Lehrer, dem als Außenstehender in dem Hauen und Stechen seiner Schüler eine Schlüsselrolle zukommt. Er umarmt am Ende den Mörder, damit der auch mal wieder etwas spürt. Liebe, Nähe, Zuneigung, Empathie – all das, was sich Zach erträumt, wenn er die Augen schließt.

Quelle: teleschau – der Mediendienst