Asghar Farhadis Thriller-Melodram handelt nur scheinbar von einer Entführung – in Wahrheit geht es um alte Wunden, die mit der Zeit aufreißen.

Ein alter Glockenturm mit einer zerbrochenen Scheibe, durch die Tauben ein- und ausfliegen, die Zahnräder einer Uhr greifen immer noch knarzend ineinander, Liebespaare von einst haben sich mit ihren Initialen im Mauerwerk verewigt. Ein spannendes Bild, dass Asghar Farhadi, der mit "Nader und Simin - Eine Trennung – Eine Trennung" (2011) und "The Salesman (Forushande)" (2017) jeweils den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, als Einstieg für "Offenes Geheimnis" wählt. Welchen Einfluss hat die Zeit auf jahrzehntealte Beziehungsgeflechte? Dieser Frage bleibt der Meister komplizierter Dramen in seinem ersten auf Spanisch gedrehten Thriller mit der Spürnase einer Agatha Christie und der geballten Starpower des Landes auf der Spur: Penélope Cruz und ihr Ehemann Javier Bardem, aber auch Ricardo Darin sind in den tragenden Rollen zu sehen.

Der Beginn von "Offenes Geheimnis" steht im Zeichen eines von Pedro Almodóvars Kameramann José Luis Alcaine gewohnt großartig gefilmten Beziehungsreigens: Laura (Cruz) kommt zur Hochzeit ihrer jüngeren Schwester Ana mit ihrer 16-jährigen Tochter Irene (Carla Campra) und ihrem kleinen Sohn Diego in ihr verarmtes Heimatdorf. Ihr Ehemann Alejandro (Darin) ist angeblich aus beruflichen Gründen in Argentinien geblieben.

Neben ihrem Bruder und seiner Familie sowie ihren Eltern trifft Laura auch ihre Jugendliebe Paco (Bardem) wieder, einen ehemaligen Bediensteten der Familie, dem sie einst ihr eigentlich wertloses Stück Land – nach Meinung ihrer Angehörigen viel zu günstig – verkauft hat. Inzwischen hat Paco dort mit seiner neuen Lebenspartnerin Bea (Bárbara Lennie) ein gut laufendes Weingut aufgebaut.

Doch die Wiedersehensfreude währt nicht lange: Während der ausgelassenen Hochzeit wird Lauras Tochter, die unter Asthma leidet und bereits ins Bett gegangen ist, entführt. Die Kidnapper melden sich per SMS. Aber nicht nur bei ihr, sondern auch bei Pacos neuer Lebensgefährtin. Warum? Und warum haben die Entführer eigentlich nicht Lauras kleinen Sohn, der neben Irene schlief, mitgenommen – er wäre doch viel einfacher zu tragen gewesen?

Befeuert durch einen etwas deplatziert wirkenden, befreundeten Kommissar im Ruhestand, den die Familie in ihrer Verzweiflung involviert hat, tauchen immer mehr Fragen auf, aber auch immer mehr Geheimnisse werden enthüllt, Ressentiments treten hervor.

Während Laura im ersten Teil des Films als starke Persönlichkeit eingeführt wurde, verwandelt sie sich nun mehr oder weniger – fast wie in einer Telenovela – in ein heulendes Häufchen Elend. Paco übernimmt das Kommando, selbst noch, als ihr arbeitsloser Mann Alejandro (Darin), ein ehemaliger Alkoholiker, der nunmehr stark auf Gott vertraut, eintrifft. Denn Alejandro ist, ohne dass die Familie davon wusste, finanziell ruiniert – und weit davon entfernt, das geforderte Lösegeld in Höhe von 300.000 Euro zahlen zu können. Paco allerdings könnte, wenn er sein Weingut verkaufen würde ...

Am Ende des Beziehungsreigens, der den Zuschauer doch erstaunlich kalt lässt, verdächtigt beinahe jeder jeden, die migrantischen Saisonarbeiter auf Pacos Weingut eingeschlossen. Wer auf eine spektakuläre Auflösung des Entführungsfalls hofft, dem sei vom Film abgeraten. Aber auch Fans von Farhadis außerordentlichem Talent, familiäre Verstrickungen ans Tageslicht zu bringen, werden am Ende ein wenig enttäuscht sein – dies gelang ihm in seinen Filmen, die im Iran spielen, weitaus berührender.


Quelle: teleschau – der Mediendienst