Einst war Toby (Adam Driver, links) hoffnungsvoller Nachwuchsregisseur. Jetzt reitet er an der Seite eines selbst erklärten Don Quixote (Jonathan Pryce) durch die spanische Prärie.
Lange hat's gedauert: Nach fast 30 Jahren Arbeit konnte Terry Gilliam seinen "Don Quixote" fertigstellen.

The Man Who Killed Don Quixote

KINOSTART: 27.09.2018 • Abenteuer • GB / B / F / E / P (2018) • 134 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The Man Who Killed Don Quixote
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
GB / B / F / E / P
Filmstudio
Alacran Pictures, Tornasol Media, Kinology, Entre Chien et Loup, Ukbar Filmes, El hombre que mató a Don Quijote AIE, Carisco Producciones AIE, Recorded Picture Company
Budget
19.116.000 USD
Einspielergebnis
2.433.457 USD
Laufzeit
134 Minuten
Music
Roque Baños
Kamera
Nicola Pecorini

Filmkritik

Dieser Film war schon abgeschrieben
von Sven Hauberg

Nach fast 30 Jahren kommt Terry Gilliams Cervantes-Verfilmung in die Kinos. Hat sich das Warten gelohnt?

Über Don Quixote scheint ein Fluch zu liegen. Der große Orson Welles versuchte in den 50er-Jahren, Cervantes' Ritterroman zu verfilmen, schaffte es aber bis zu seinem Tod drei Jahrzehnte später nicht, das Projekt zu vollenden. Terry Gilliam hätte das eine Warnung sein können. Doch der Regisseur ("Brazil", "12 Monkeys") und Mitbegründer von Monty Python, der 1989 erstmals den 1.500-Seiten-Wälzer aus dem 17. Jahrhundert las, ließ sich nicht beirren. Jetzt, fast 30 Jahre später, startet "The Man Who Killed Don Quixote" auch in den deutschen Kinos. Die Entstehungsgeschichte dieses Films ist vor allem eine Geschichte des Scheiterns.

"Es wird ein außergewöhnlicher Film werden", gibt sich Terry Gilliam in der Dokumentation "Lost in La Mancha" überzeugt, einer Chronik des Scheiterns seines "Don Quixote". Das war im Jahr 2000, zehn Jahre arbeitete der Regisseur da schon an seiner Cervantes-Verfilmung. Mit Johnny Depp und Jean Rochefort geht der Monty-Python-Mitbegründer das Drehbuch durch, einige Tage später beginnen die Dreharbeiten. "Wir sind hier alle ein bisschen ratlos", wird Gilliam bald sagen. Das Filmset in Spanien wird von einem Unwetter zerstört, Hauptdarsteller Rochefort ist plötzlich schwer erkrankt. Wenig später ist klar: Der Film kann nicht realisiert werden.

Es folgen Rechtsstreitigkeiten mit der Versicherung, auch ein zweiter Versuch scheitert – diesmal mit Robert Duvall und Ewan McGregor in den Hauptrollen – noch in der Planungsphase. Erneut wollte Gilliam einen Hollywood-Film ohne Hollywood-Budget drehen. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Zumal auch ein dritter Versuch scheiterte. Diesmal hatte sich Gilliam Adam Driver als Sancho Panza und seinen alten Monty-Python-Kollegen Michael Palin als Don Quixote ins Boot geholt. Zwischen Gilliam und Produzent Branco kam es aber zum Streit über die kreative Kontrolle an "Don Quixote" – und erneut platzte das Projekt.

Ein Jahr später – Giliams hoffnungslos scheinender Film war längst wahlweise zum Mythos oder zum Running Gag geworden – ging alles ganz schnell. Gilliam fand neue Geldgeber und mit Jonathan Pryce einen neuen Don Quixote. Trotz der schlechten Erfahrungen vom ersten Dreh bestand Gilliam auch im erneuten Anlauf darauf, nicht im Studio zu drehen: "'Don Quixote' ist mein Western! Er musste draußen, in der realen Welt gedreht werden", erzählt der Regisseur der Agentur teleschau. "Mir war es wichtig, dass man den Film richtig spüren und riechen kann. So kann man den Wahnsinn von Quixote nachempfinden."

Dass "Don Quixote" nicht nur eine Geschichte über einen alten Mann ist, der denkt, er sei ein Ritter aus dem Mittelalter, passt zu all den Unbilden des Projekts. Adam Driver spielt den amerikanischen Werbefilmer Toby, der einst als vielversprechender Filmstudent in Spanien ein etwas überambitioniertes Debütprojekt verwirklicht hat: eine Verfilmung des "Don Quixote". Nach Jahren kehrt er nun zurück in das spanische Dorf von einst. Angelica (Joana Ribeiro), seine Muse von damals, ist mit ihren Träumen gescheitert, sein Quixote-Darsteller (Jonathan Pryce) dem Wahnsinn verfallen. Er hält sich selbst für den Ritter von der Mancha und sieht in Toby seinen Sancho Panza. Tobys Studentenfilm hat ihn zum viel beschäftigten Werbefuzzi gemacht, seine Darsteller aber zerstört.

Man muss es leider sagen: "The Man Who Killed Don Quixote" ist ein ziemliches Kuddelmuddel. Der Film sprüht nur so über vor Ideen, dass man sich bisweilen fragt, was Gilliam eigentlich erzählen wollte. Gut möglich, dass er in all den Jahren, die er an seinem Film gearbeitet hat, selbst ein wenig den Überblick verloren hat. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass "Don Quixote" nach all den Rückschlägen mit Erwartungen in den Kinos gestartet ist, die einfach zu groß waren und die nicht einmal ein Terry Gilliam erfüllen kann. Und ja, mit 132 Minuten ist der Film lang, sehr lang. Andererseits: So viele Ideen, wie Gilliam in diese zweieinviertel Stunden packt, hat manch anderer Filmemacher in seinem ganzen Leben nicht. Mit Adam Driver und vor allem Jonathan Pryce hat er außerdem großartige Hauptdarsteller gefunden, die vergessen lassen, dass einst andere für ihre Rollen vorgesehen waren.

Was von "The Man Who Killed Don Quixote" aber bleibt, ist vor allem seine unglaubliche Entstehungsgeschichte. Die Macher der Doku "Lost in La Mancha" haben vor einiger Zeit verkündet, an einem zweiten Teil zu arbeiten, der all die Ereignisse nach dem ersten, großen Scheitern des Films aufarbeiten soll. "He Dreamed of Giants" soll der Film heißen. Man darf sich auf ihn freuen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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