Computernerd Lenor (Tonio Schneider, links) ist gegen Gewalt, Frauenschwarm Alfa (Noah Saavedra) befürwortet sie. Luisa (Mala Emde) sucht noch den richtigen Weg.
"Und morgen die ganze Welt" erzählt von einer jungen Studentin, die sich der Antifa anschließt.

Und morgen die ganze Welt

KINOSTART: 29.10.2020 • Drama • D (2020) • 110 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Und morgen die ganze Welt
Produktionsdatum
2020
Produktionsland
D
Laufzeit
110 Minuten

Filmkritik

Das Herz schlägt links
Von Sven Hauberg

In "Und morgen die ganze Welt" schließt sich eine junge Frau der Antifa an und sieht sich mit der Frage konfrontiert, ob Gewalt ein legitimes Mittel ist. Regisseurin Julia von Heinz kennt das Milieu gut.

Wer mit den Filmen von Matthias Schweighöfer, Til Schweiger und Bora Dagtekin aufgewachsen ist, kann sich kaum vorstellen, dass das deutsche Kino einst auch politisch war. Dass Filmemacher wie Fassbinder, Kluge und Schlöndorff den Diskurs von der Straße in die Kinosäle trugen. Die Regisseurin Julia von Heinz macht sich mit ihrem Film "Und morgen die ganze Welt" nun daran, dem deutschen Kino wieder eine politische Relevanz zu geben.

Wer sich die Filmografie der 44-Jährigen ansieht, dürfte von Heinz zunächst als eher unwahrscheinliche Kandidatin für diese nicht gerade einfache Aufgabe sehen. Schließlich kennt man die gebürtige Berlinerin bislang als Regisseurin eines "Tatorts", des Kinderfilms "Hanni & Nanni 2" und der Hape-Kerkeling-Verfilmung "Ich bin dann mal weg". Mit dem linken politischen Milieu, von dem sie in ihrem neuen Film erzählt, kennt sich von Heinz indes gut aus. Im Alter von 15 Jahren schloss sie sich der Bonner Antifa an, organisierte Demos, verteilte Flugblätter. Schon damals, so erzählte sie unlängst dem "Spiegel", habe sie sich aber auch gefragt, wie weit der Kampf gegen Rechts gehen darf – ist Gewalt ein legitimes Mittel? "Und morgen die ganze Welt" kreist um diese Frage.

Der Film, der seine Weltpremiere im September bei den Filmfestspielen in Venedig feierte, stellt eine von Mala Emde verkörperte junge Frau namens Luisa in den Mittelpunkt. Die Studentin stammt aus einer wohlhabendem, konservativen Familie, die sich an den Wochenenden zur gemeinsamen Jagd mit Freunden trifft. Durch eine Freundin (Luisa-Céline Gaffron) kommt sie mit einem linksalternativen Wohnprojekt in Mannheim in Kontakt, für das sie sich bald engagiert. Gemeinsam gehen sie auf Demonstrationen, sammeln Informationen über bekannte Rechtsradikale.

Einmal, bei einem Protest gegen eine rechte Partei (die hier zwar anders heißt, aber doch sehr an die AfD erinnert), eskaliert der Protest. Luisa wird verletzt, findet aber auch Gefallen an der körperlichen Auseinandersetzung mit den Rechten. Sie radikalisiert sich zunehmend, auch Gewalt akzeptiert sie bald als Möglichkeit des politischen Protests. Die Lage gerät außer Kontrolle, als Luisa zusammen mit ihren Antifa-Freunden einen Angriff auf ein Neonazi-Treffen plant.

Julia von Heinz erzählt diese Geschichte, die zwar fiktiv ist, aber auch auf eigenen Erlebnissen basiert, wie einen Thriller. Das macht den Film spannend, lässt aber auch wenig Platz für Erklärungen. Warum sich Protagonistin Luisa derart radikalisiert, bleibt vage. Sie findet eine neue Heimat bei den Linken, das schon. An den Wochenenden aber weidet sie noch immer das frisch erlegte Jagdvieh aus. Ein Widerspruch, den der Film stehen lässt, ohne sich um eine Antwort zu bemühen. Bisweilen bekommt man den Eindruck, Luisa mache bei den Antifa-Aktionen nur mit, um dem gutaussehenden Alfa (Noah Saavedra) nahe zu sein, einer Art linkem Posterboy. Das Herz schlägt eben links – das wusste schon Oskar Lafontaine.

"Politische Anliegen zu vermitteln, kenne ich sehr gut aus der Arbeit in der linken Szene", sagt Regisseurin Julia von Heinz in den Pressenotizen zum Film. "Man will seinen Zuschauer erziehen, trägt praktisch die Fackel der Wahrheit durchs Land, und andere Meinungen lässt man kaum gelten. All das habe ich lange hinter mir gelassen." In ihrem Film lässt sie mehrere Charaktere aufeinanderprallen: den hübschen Alfa, der Gewalt befürwortet, und den zurückhaltenden Lenor (Tonio Schneider), der immer wieder für einen friedlichen Weg plädiert. Zwischen diesen beiden Polen pendelt ihre von Mala Emde fantastisch verkörperte Protagonistin, ohne dass der Film dabei allzu sehr den pädagogischen Zeigefinger erhebt.

Wofür Luisa und ihre Freunde eigentlich kämpfen, lässt der Film bewusst offen. Sie sind gegen Nazis, ja. Aber wofür treten sie eigentlich ein? Was für eine Welt schwebt ihnen vor? Diese Desillusionierung mit der Antifa – im "Spiegel"-Interview bezeichnete von Heinz die Gruppierungen als "Sekte" – spiegelt sich im Film in der Figur des Dietmar (Andreas Lust) wider. Dietmar, einst Kämpfer der Revolutionären Zellen, lebt heute zurückgezogen auf dem Land. Nachdem er an einem Bombenanschlag beteiligt war, saß er jahrelang im Gefängnis. Wenn er über den jugendlichen Übermut von Luisa und den anderen den Kopf schüttelt, dann spricht daraus auch die Grundhaltung dieses Films.

Der Titel des Films ist übrigens nicht, wie man meinen könnte, eine linke Parole. "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt", das ist eine Zeile aus "Es zittern die morschen Knochen" – einem heute verbotenen Lied der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront. Die gewaltbereite Linke und die gewaltbereite Rechte, auch das ist eine Erkenntnis dieses Films, sie liegen manchmal zum Verwechseln nah beisammen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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