Die einen stören sich an einem Baum, die anderen an einem Sexfilmchen: Im isländischen Vorstadtdrama "Under the Tree" eskaliert ein Nachbarschaftsstreit, weil so ziemlicher jeder einen gehörigen Schatten hat.

Da steht er nun und kann nicht anders, seit Jahrzehnten schon: Der Baum im Garten von Inga und Baldvin wirft einen Schatten. Das ist an und für sich nichts Ungewöhnliches, eigentlich auch nicht der Rede wert. Filmemacher Hafsteinn Gunnar Sigurdsson aber nimmt des Baumes Unbelehrbarkeit zum Anlass, einen handfesten Nachbarschaftsstreit vom Zaun zu brechen – und sorgt mit isländischem Gleichmut für die unausweichliche Zerstörung einer weiß getünchten Vorortidylle.

Dass "Under the Tree" offiziell als Komödie firmiert, ist eine fahrlässige Irreführung. Zu lachen gibt es hier nichts, trotz einiger Momente schwarzen Humors, trotz skurriler Figuren und trotz wahnwitziger Wendungen. Im Gegenteil, die vermeintlich witzigen Szenen sind die fiesesten. In ihnen kondensiert Sigurdsson all die menschlichen Makel, aus denen er seine Höllenfahrt komponiert.

Es geht nämlich tief hinein in die Abgründe des Menschseins. Dass der Baum von Inga (Edda Björgvinsdóttir) und Baldvin (Sigurdur Sigurjónsson) plötzlich ein Corpus delicti wird, liegt an der neuen Frau, die sich Nachbar Konrád (Torsteinn Bachmann) ins Haus geholt hat. Eybjorg (Selma Björnsdóttir) heißt sie, ist viel jünger als er und badet gerne in der Sonne. Was natürlich im Schatten des Baumes nicht möglich ist. Aus den Funken erster Wortgefechte entwickelt sich bald ein ausnahmslos von den Frauen befeuerter, verheerender Ein-Baum-Waldbrand, mit aufgeschlitzten Autoreifen, Kackehaufen, verschwundenen Haustieren und Überwachungskameras. Sigurdsson geht es freilich um mehr als die Zündung von immer neuen Eskalationsstufen, die er ruhig und kühl inszeniert. Selbst angesichts größter Katastrophen bleibt er dabei sachlich.

Genau diese Nüchternheit ist es, die "Under the Tree" so schwer verdaulich macht. Regisseur Sigurdsson nähert sich in seinem bemerkenswerten Film mit bedrohlicher Unausweichlichkeit seinem eigentlichen Thema. Er seziert, was Missmut, Trauer, Wut – vor allem aber Ich-Bezogenheit – aus Menschen machen können. Dabei ist es gar nicht mal überraschend, dass es hinter idyllischen Fassaden heftig bröckelt, dass normale Menschen immer auch Abgründe haben. Damit ist nicht nur Atli (Steinthór Hróar Steinthórsson) gemeint, der eigentliche Protagonist des Films. Der Sohn von Inga und Baldvin wurde von seiner Frau vor die Tür gesetzt: Er darf die gemeinsame Tochter nicht mehr sehen, kommt nicht mehr in die Wohnung und muss wieder bei seinen Eltern einziehen.

Atli hatte sich heimlich ein selbstgedrehtes Pornofilmchen angesehen. Ein vergleichsweise geringes Vergehen, möchte man meinen. Aber es reicht aus, um eine Reihe von Ereignissen in Gang zu setzen, die tragisch enden werden. Genau wie die Sache mit dem Baum. Dass man diese Art von Missverständnissen relativ einfach aus der Welt hätte räumen können, indem man miteinander redet und mehr noch einander zuhört, darin liegt die große Tragik des Films, der damit ein ziemlich gutes Abbild der modernen Wohlstandsgesellschaft ist. Und die ist – trotz ständigen Kommunikationszwanges – barbarisch sprachlos.


Quelle: teleschau – der Mediendienst