Tony (Jim Broadbent) hatte sich eigentlich mit seinem Ruhestand abgefunden - bis ihn die Vergangenheit einholt.
Ein Brief aus der Vergangenheit lässt Erinnerungen, die vielleicht auch trügerisch sind, wach werden.

Vom Ende einer Geschichte

KINOSTART: 14.06.2018 • Drama • GB (2017) • 108 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The Sense of an Ending
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
GB
Laufzeit
108 Minuten
Regie

Filmkritik

Trügerische Erinnerung
Von Diemuth Schmidt

Erinnerungen sind wichtig, vor allem, je älter wir werden. Doch wer weiß, ob die Erlebnisse von damals, die man immer und immer wieder erzählt und deren Bilder man scheinbar so deutlich vor Augen hat, nicht längst ein Eigenleben entwickelt haben? Was, wenn die Erinnerung trügerisch ist und wir uns etwas so hingedreht haben, wie wir es gerne hätten? Diesen Fragen geht der indische Regisseur Ritesh Batra ("Lunchbox") in seiner freien Adaption des Julian-Barnes-Romans "Vom Ende einer Geschichte" in interessanter Weise auf den Grund.

Britisch-gediegener könnte das Setting kaum sein, in dem man die Hauptfigur Tony Webster (Jim Broadbent) als grummeligen alten Mann kennenlernt. Er ist im Ruhestand – oder sollte man besser Stillstand sagen? - angekommen, lebt allein in einem schönen Haus und betreibt als Hobby ein kleines Geschäft für gebrauchte Leica-Kameras. Da erreicht ihn ein Brief aus der Vergangenheit und reißt ihn aus seiner Lethargie. Die Mutter seiner Jugendliebe Veronica ist verstorben und hinterlässt ihm ein Tagebuch. Und zwar das seines damals besten Freundes Adrian Finn, der sich jung das Leben nahm. Doch Veronica (Charlotte Rampling) weigert sich, das Tagebuch herauszugeben. Warum hatte ihre Mutter das Tagebuch überhaupt, und warum sperrt sich Veronica dagegen, dass Tony es in die Hände bekommt?

Im Film beginnt nun eine quälende Selbstbefragung mit vielen Rückblenden in die Vergangenheit, in denen Tonys Wahrheit für den Zuschauer zu sehen ist. In der Gegenwart dagegen kommt es zu einer erneuten Begegnung mit Veronica und dem Versuch eines Abgleichs des Erlebten.

Die Erinnerungen an Schulzeit und Studentenjahre in den 60-ern zeigen einen Tony (Billy Howle), der seinen Weg sucht. Es sind die Jahre, in denen die Grausamkeit der Jugend herrschte, man sich und anderen bewusst oder unbewusst etwas antat. Tony zumindest schildert, wie er diese Zeit als sexuell unerfreulich und demütigend erlebte, und das, obwohl er für eine Weile die faszinierende und schöne Veronica (Freya Mavor) für sich gewinnen konnte. Doch da waren auch noch sein bester Freund Adrian (Joe Alwyn), ein vielversprechender Student in Cambridge, der sich schon zu Schulzeiten mit philosophischen Erklärungen von den Gleichaltrigen abhob, und Veronicas undurchsichtige Mutter Sarah (Emily Mortimer).

Um das zentrale Mysterium, was genau zwischen diesen Personen passierte, kreist der Film behäbig und zögert dessen Auflösung maximal heraus. Diese Erzählweise stellt den Zuschauer auf eine Geduldsprobe und das, ohne mit einem wirklichen Paukenschlag-Finale am Ende aufzuwarten.

Erholsam ist die Gegenwartsebene, auf der sich der Film deutlich von der Vorlage entfernt. Tony wird, trotz seines fortgeschrittenen Alters, in einer Art Coming-of-Age-Handlung gezeigt. Durch seine hochschwangere Tochter (Michelle Dockery), die Hilfe benötigt, lernt er endlich, Verantwortung zu übernehmen, und nähert sich so auch seiner Ex-Frau wieder an.

Auf was ist unser Selbst gebaut? Dieser Frage spürt der Film langsam, aber gekonnt nach und hält dazu eine Überraschung bereit. Dem hochkarätigen Schauspielerensemble zuzusehen, bereitet große Freude, allen voran Jim Broadbent, der sich als Tony entwickeln darf. Ein feiner, etwas zu gediegen inszenierter Film, der seine eigene Erzählung jenseits des vor allem von Erinnerungsschleifen geprägten Romans findet.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller
Für seine Rolle in "Iris" wurde er mit dem Oscar ausgezeichnet: Jim Broadbent
Jim Broadbent
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