Mitreißend gespieltes, in der zweiten Hälfte leicht abfallendes Drogendrama, das vor allem um eine innige Mutter-Sohn-Beziehung kreist...

Besonders an Weihnachten kommen Familien zusammen, um schöne Stunden zu genießen und sich gegenseitig glücklich zu machen. Streit und Anspannung sind dabei allerdings oft nicht weit entfernt, da übersteigerte Erwartungen Frustrationen geradezu herausfordern und lange schwelende Konflikte die verordnete Besinnlichkeit bedrohen. Ein solches Szenario beschreibt auch Regisseur und Drehbuchautor Peter Hedges ("Das wundersame Leben von Timothy Green") in seinem Drogendrama "Ben Is Back", das vor allem dank der starken Leistungen seiner beiden Hauptdarsteller zu überzeugen weiß.

Dass der suchtkranke Ben (Lucas Hedges, der Sohn des Regisseurs) ausgerechnet an den Feiertagen bei seinen Liebsten vor der Tür steht, sorgt für Freude und Beunruhigung. Seine Schwester Ivy (Kathryn Newton) und sein Stiefvater Neal (Courtney B. Vance) empfangen den unangekündigten Besucher, der gerade eine Entzugstherapie durchläuft, eher reserviert, während ihm die Halbgeschwister Lacey (Mia Fowler) und Liam (Jakari Fraser) und seine Mutter Holly (Julia Roberts) mit offenen Armen begegnen. Trotz anfänglicher Aufregung scheint das Weihnachtsfest in halbwegs normalen Bahnen zu verlaufen. Doch dann wird Ben von seinen Kontakten in die lokale Drogenszene eingeholt.

In seiner vierten Regiearbeit entwirft Peter Hedges einen zunächst intakt wirkenden Kleinstadtkosmos, dessen Risse und Brüche sich jedoch nach und nach offenbaren. Bens Sucht und seine Dealer-Tätigkeiten sind eng verbunden mit den Bedürfnissen und den Schicksalsschlägen anderer Bewohner, wie sich in kleinen, aber prägnanten Andeutungen zeigt. Wenngleich der Film viele Dinge nicht lang und breit erklärt, gehen manche Enthüllungen tief unter die Haut und haben – beispielsweise im Fall des Lehrers oder des Arztes – nachhaltig erschütternde Qualität.

Neben dem sozialen Umfeld der Protagonisten illustriert "Ben Is Back" auch die Dynamiken innerhalb der Patchwork-Familie. Sehr löblich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass der misstrauische und abweisende Neal nicht zu einem platten Kotzbrocken avanciert. Im Zentrum der Geschichte steht unübersehbar die komplexe, von Vertrauen, Angst und Verzweiflung geprägte Beziehung zwischen Ben und Holly, die aufwühlend-schmerzhafte, zuweilen aber auch erstaunlich komische Momente (Stichwort: Urinprobe) hervorbringt. Der Film ist immer dann am stärksten, wenn er sich voll und ganz auf das Ringen zwischen Sohn und Mutter konzentriert, dem Lucas Hedges und Julia Roberts mit ihrem mitreißenden Spiel zu einer enormen emotionalen Wucht verhelfen.

Gerade weil das beschriebene Verhältnis so facettenreich und ergreifend ist, verwundert es, dass "Ben Is Back" im Verlauf der zweiten Hälfte eine etwas forciert wirkende, nicht ohne Klischees auskommende Thriller-Richtung einschlägt. Die Verwicklungen treiben den Spannungspegel gewiss nach oben, erscheinen mit Blick auf das vorher zumeist behutsam und sensibel ausgebreitete Charakterdrama aber doch ein wenig deplatziert. Dass es bei einem Spielfilm zum Thema "Drogensucht" keine Rückgriffe auf simple Genre-Mechanismen braucht, demonstriert das in vielerlei Hinsicht ähnlich gelagerte, Ende Januar anlaufende Biopic "Beautiful Boy", das dem Betrachter den Teufelskreis der Abhängigkeit, das ständige Pendeln zwischen Zuversicht und neuen Enttäuschungen schonungslos vor Augen führt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst