Abgesehen von Sofia Boutella treten hauptsächlich echte Tanzprofis an.
Skandalregisseur Gaspar Noé entführt mit "Climax" auf einen drogengeschwängerten Höllentrip

Climax

KINOSTART: 06.12.2018 • Thriller • F (2018) • 93 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Climax
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
F
Budget
3.000.000 USD
Laufzeit
93 Minuten
Regie
Kamera

Filmkritik

Keine Macht den Drogen!
Von Christopher Diekhaus

Skandalregisseur Gaspar Noé entführt den Zuschauer einmal mehr auf einen audiovisuell markanten Film-Trip, der allerdings zwischen rauschhaft und ermüdend pendelt.

Wer im Kino nicht herausgefordert oder vor den Kopf gestoßen werden will, sollte tunlichst einen Bogen um die Werke des Bilderstürmers Gaspar Noé machen. Spätestens mit dem provokanten Vergewaltigungsdrama "Irreversibel" erwarb sich der gebürtige Argentinier den Ruf eines Skandalregisseurs, der auf der Leinwand mit großer Freude Grenzen überschreitet. Nach seinem von der Kritik eher verhalten aufgenommenen 3D-Sexdrama "Love" meldet sich der Unruhestifter nun mit einem Tanzfilm zurück, aus dem etwa zur Hälfte ein drogengeschwängerter Höllentrip wird.

Dass "Climax" von einem eigenwilligen kreativen Kopf entwickelt wurde, zeigt schon der unkonventionelle Einstieg. An den Anfang stellt Noé das Ende – Aufnahmen einer blutenden Frau, die durch den Schnee kriecht – es folgt der die Abspanntitel. Gängige Sehgewohnheiten werden gezielt torpediert, was umgehend eine irritierende Stimmung erzeugt. Im Anschluss nähert sich der Film seinen Protagonisten durch Videointerviews an und lässt die jungen Tänzerinnen und Tänzer in starren Einstellungen fast zehn Minuten lang über die Bedeutung ihrer Profession und ihre größten Ängste reden. Zur Sprache kommt in mehreren Passagen auch die Frage, ob man wirklich zu allem bereit sei.

Nur wenig später begegnet der Zuschauer den Interviewten, die zu einer bald auf Tournee gehenden Tanzgruppe gehören, in einem abgelegenen Übungszentrum wieder. Nach harten Proben soll der letzte Abend mit einer fröhlichen Abschlussparty ausklingen. Doch dann kommt alles anders. Im Laufe des munteren Beisammenseins wird den Anwesenden plötzlich klar, dass irgendjemand die Sangria mit einem Rauschmittel, höchstwahrscheinlich LSD, versetzt hat. Unterschwellige Aggressionen und versteckte Sehnsüchte brechen daraufhin immer drastischer hervor.

Ähnlich wie in Luca Guadagninos Klassiker-Neuinterpretation "Suspiria" entfalten vor allem die ausgeklügelten, pulsierenden Tanz-Choreografien eine enorme Wucht. Schon die rund fünfminütige Performance vor Beginn der Feierlichkeiten fällt derart kraftvoll und vibrierend aus, dass man gänzlich mitgerissen wird. Die Bewegungen und das Zusammenspiel der Körper erzählen eine aufregende Geschichte, die dann jedoch von einem etwas ermüdenden Party-Smalltalk abgelöst wird. Zu ausführlich widmet sich der Regisseur im Folgenden den abstoßenden, frauenfeindlichen Sex-Fantasien zweier Teilnehmer. Und ein wenig zu offensichtlich bereitet der Film einige der späteren Eskalationen vor.

Mit Einsetzen des Drogentaumels gerät die sehr agile, häufig in langen Plansequenzen umherschwebende Kamera zunehmend aus dem Gleichgewicht. Ohne Rücksicht auf Verluste überträgt Noé die Rauscherfahrung auf die Bilder, die immer wackeliger und instabiler werden und sogar mehrfach auf dem Kopf stehen. Flackernde Lichter, schummrige Gänge, Gewalteruptionen, die treibende elektronische Musikuntermalung und das panische Geschrei der aufgeputschten Partygäste tragen dazu bei, dass sich eine horrorartige Atmosphäre breitmacht.

Obwohl es diverse verstörende Momente gibt, erschüttern längst nicht alle Exzesse in gleichem Maße. Mehr als einmal schleicht sich trotz des fiebrigen Höllenabstiegs ein Gefühl der Monotonie ein. Überdies bleiben einem die nur skizzenhaft entworfenen Figuren – abgesehen von Sofia Boutella ("Hotel Artemis") treten fast nur echte Tanzprofis ohne größere Schauspielerfahrung auf – doch ein wenig fremd.

Mit eingeschobenen Texttafeln gaukelt "Climax" philosophischen Tiefgang vor. Und gelegentliche Hinweise auf das Erstarken nationalistischer Haltungen suggerieren politische Relevanz. Tatsächlich breitet der Regisseur aber nur wenige substanzielle Gedanken aus und begnügt sich weitestgehend damit, die These "Der Mensch ist ein Tier" auf knallige audiovisuelle Weise zu untermauern.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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