Es gibt da diesen einen Satz, den man, beschäftigt man sich regelmäßig mit Filmen, nicht mehr vergisst. "Seit das Kino sprechen gelernt hat, frißt es Bücher." Aufgeschrieben hat ihn der Filmkritiker Andreas Kilb 1997 für Die Zeit, und er schrieb weiter: "Große Bücher, kleine Bücher, dicke und dünne Bücher, Klassiker und Schund und vor allem Romane. Denn Romane erzählen Geschichten. Geschichten, die die Filmkamera weitererzählen kann." Und: "Die erzählende Literatur, ob anspruchsvoll oder nicht, ist zur Geisel des Kinos geworden. Sie liefert die Früchte, aus denen Regisseure und Produzenten den Saft herauspressen."

Doch es gibt auch diese anderen Fälle. Die Fälle, in denen sich das Kino an zu großen Literaturvorlagen verschluckt, manchmal ist es nur ein Husten, das man durch die Leinwand hindurch zu hören glaubt, manchmal droht ein ganzes Projekt am Stoff zu ersticken. "Der Herr der Ringe" war so eine Vorlage, "Das Parfum", oder "Die Wand". Der Begriff "unverfilmbar" machte die Runde, und auch Stephen Kings Epos "Der dunkle Turm", eine achtbändige Saga irgendwo zwischen Science-Fiction-, Western-, Abenteuer-, Horror- und Endzeit-Roman galt lange Zeit als zu groß, zu mächtig, zu verschlungen für das Kino.

135 Minuten Popcorn-Kino

Doch der dänische Regisseur Nikolaj Arcel hat sich herangewagt an Kings Meisterwerk, und er hat auf den ersten Blick eine Menge richtig gemacht, hat mit Idris Elba und Matthew McConaughey zwei renommierte, teils herausragende Schauspieler mit den Hauptrollen betraut, hat mit Akiva Goldsman einen Oscar-prämierten Drehbuchautoren gefunden und: Er hat sich Zeit gelassen. Wobei wir da eigentlich schon bei den Fehlern angekommen wären.

Begonnen hat Arcel sein Mammutprojekt nämlich schon 2007, doch immer wieder wurden die Arbeiten unterbrochen, teils sogar abgebrochen. Schon die Entscheidung, welche der acht Romane verfilmt werden sollen, scheint das Team, das auch bei Stephen King selbst Rat gesucht hat, vor eine zu große Herausforderung gestellt zu haben. Am Ende aber, das muss man so sagen, hat wohl allen der Mut gefehlt, sich dem dunklen Turm wirklich zu stellen. Denn am Ende hat Arcel die Geschichte schlicht eingedampft, auf 135 Minuten Action samt Happy End.

Der Inhalt in Kurzform: Die Welten stehen am Abgrund, sowohl unsere Erde als auch die anderen Welten, die alle vom dunklen Turm im Zentrum des Universums zusammengehalten werden. Doch dieser dunkle Turm wird immer wieder angegriffen, vom "Mann in Schwarz" (Matthew McConaughey), einem Magier, der eigentlich Walter O'Dim heißt. Sein Gegenspieler: der Revolvermann Roland Deschain (Idris Elba), der letzte seiner Art, der O'Dim durch alle Welten folgt, die untereinander durch Portale verbunden sind. Und auf unserer Erde wäre da noch Jake Chambers (Tom Taylor), ein elfjähriger New Yorker Junge, der immer wieder von den beiden träumt, weshalb ihn seine Familie, die Freunde und Lehrer für nicht ganz sauber in der Birne halten. Doch eigentlich ist er das nicht, eigentlich hat er nur übersinnliche Kräfte.

Hauptrollen zu Nebenrollen degradiert

Das Ziel in Kurzform: Die Welten müssen gerettet werden, zumindest, wenn es nach Roland Deschain und Jake Chambers geht, denn stürzt der dunkle Turm ein, herrschen Feuer und Chaos. Was daher recht schnell beginnt in diesem Film, ist eine Abenteuerjagd nach dem Mann in Schwarz, ein Actionspektakel, wie man es liebt in Hollywood. Dabei zeigt schon der Einstieg in Kings Buch-Reihe, dass es darum eigentlich nicht geht in diesem Epos. "Der schwarze Mann floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm", heißt es da, und so geduldig wie King hier beginnt, so geduldig wie diese Flucht auf den folgenden Tausenden von Seiten vonstatten geht, ist der dunkle Turm vielleicht wirklich unverfilmbar, zumindest nach den Gesetzen des Blockbuster-Kinos.

Arcel nämlich ist einigen Regeln auf den Leim gegangen, die vielleicht für Hollywood funktionieren mögen, die für eine derart umfangreiche Literaturverfilmung aber eine Katastrophe sind. Er hat nicht nur eine völlig neue Geschichte erfunden, die so in den Büchern überhaupt nicht stattfindet, er hat sich auch dazu entschlossen, diese Geschichte so flach zu schleifen wie es so eben noch erträglich ist. Da wird der Revolvermann auf seine Künste an der Waffe reduziert, der Mann in Schwarz auf einen einzigen Gesichtsausdruck, und beide müssen am Ende sogar noch zurücktreten hinter die Hauptrolle des Jake Chambers, der sowohl Elba als auch McConaughey schlicht zu Chargen degradiert. Weil Drehbuch und Schauspieler es zulassen.

Wo Stephen King in seinen Büchern die Geduld aufbringt, nervenzerreißend lange, zähe Passagen zu erzählen, wahre Durststrecken und Wanderungen durch öde Landschaften, wo King die Charaktere mit einer Detailversessenheit aufbaut und hegt und pflegt, hetzt die Verfilmung von Nikolaj Arcel durch ihre 135 Minuten, als gelte es noch einmal zu beweisen, dass Zeit in Hollywood Geld ist. Nun könnte man sagen, dass es ohnehin schon unmöglich ist, acht Bücher in einen Film zu pressen und ganz sicher ist dem auch so. Bloß: Unter dieser Voraussetzung war der dunkle Turm zum Scheitern verurteilt, und warum sich sogar Stephen King selbst daran beteiligt hat, sein Opus Magnum derart zu dekonstruieren und ihm jeglichen Mythos und jede Magie zu rauben, ist das eigentliche Rätsel.

Diese Verfilmung hätte Geduld gebraucht

Es hätte durchaus die Chance gegeben, aus den acht Büchern acht Filme zu machen. Es hätte Kings Geduld gebraucht, es hätte den Mut gebraucht, all die Irrationalitäten der Bücher auszuhalten, die Charaktere, allen voran den Mann in Schwarz, mit Schauspielern zu besetzen, die der Tiefe dieser Rollen auch gerecht werden und ein Kino zu produzieren, dass nicht bloß Science-Fiction-Action sein will, sondern genau der Genre-Mix, den King so unnachahmlich zu Papier gebracht hat.

Sicher, es gibt diese Momente, in denen der Witz, die Subversität und die Abstrusität von Kings Erzählungen durchschimmert, etwa wann Roland Deschain sich in einem New Yorker Krankenhaus behandeln lässt und erst mal mit der Realität, unserer Realität klarkommen muss. Doch es bleibt bei einem Schimmer, der Rest ist Popcorn-Kino, das jedoch alle, die Kings Bücher gelesen haben, enttäuschen und alle, die sie nicht kennen, verwirren wird. Werden Kamera, Effekte und Schnitt aktuellen Ansprüchen durchaus gerecht, hätten darüber hinaus eigentlich alle mehr verdient gehabt. Die Schauspieler, aber vor allem all die Stephen-King-Fans, die lange auf diesen Film gewartet haben. Denn denen, so schrieb Louis Peitzman auf Buzzfeed, wird dieser Film das Herz brechen. Es mag eine Prequel-Serie geben, ebenfalls mit Idris Elba als Revolvermann, aber für sie ist der dunkle Turm schon jetzt gefallen.