Können Apokalypse und Naturerlebnis einen Macho kurieren? Das Experiment mit dieser Spezies Mann ist sensationsheischend und minimalistisch, verrätselt und althergebracht.

Düstere Zukunftsvisionen sind in deutschen Filmen Mangelware. Umso mehr verdient das Endzeit-Drama "In My Room" mindestens einen prüfenden Blick. Der gilt Kameramann Armin (Hans Löw). Aus Kummer über den Verlust seiner Großmutter betrinkt er sich nachts an einem Fluss. Mit stampfenden Beats zieht ein Partyschiff vorüber. Am nächsten Morgen treibt der Dampfer führerlos und in Schräglage auf dem Wasser. Vor allem aber sind außer Armin keine Menschen mehr zu sehen. Armin muss sich plötzlich in einer Welt zurechtfinden, in der er allein zu sein scheint. Das weckt gemischte Gefühle, denn der Typ ist nicht gerade sympathisch. Vielleicht sucht Regisseur und Autor Ulrich Köhler deshalb mit verschlüsselter Bildsprache zu locken. Puzzle und Survival finden tatsächlich zusammen, doch das Ergebnis ist nicht berauschend.

In letzter Zeit ist es dem schon ein bisschen in die Jahre gekommenen Armin nicht besonders gut ergangen. TV-Interviews vermurkst er gründlich: Wie Politiker zur Rede ansetzen, nimmt er auf, aber nicht, was sie sagen. Der Redakteur ist sauer. Armin leiht sich von einer Kollegin Geld, geht in einen Club und reißt ein junges Mädchen auf. Zu seiner Wohnung, die mutmaßlich wegen Mietrückständen versperrt ist, verschafft er sich gewaltsam Zutritt.

Als er am nächsten Tag im geborgten Auto zu seiner sterbenden, schon bewusstlosen Großmutter fährt, ist sein Vater bereits dort. Während Armin Kaffee kocht, entschläft sie. Frustriert, ziellos umherfahrend, saufend verbringt er die Nacht. Als er erwacht, sind kein Vater, keine Nachbarn, keine Leute auf der Straße mehr da, nur noch Tiere und Pflanzen. In einem modernistischen Glashaus zwischen Wiesen, Feldern und Wäldern tüftelt Armin vor sich hin, mit geschultertem Gewehr reitet er umher. So genießt der Chauvinist mit Öko- und Linksdrall ein autarkes Dasein. Als er einen Hund erschießt, lernt er überraschend die junge Krisi (Elena Radonicich) kennen. Doch nachdem das erste Verlangen gestillt ist, kommen die Probleme.

Ulrich Köhler hat sich viele Gedanken gemacht, um Form und Inhalt eng zu verfugen. Der Titel "In My Room" benennt eine Isolierung. Bei seiner Arbeit dringt Armin nicht zum Wesentlichen vor, und er hadert mit den Menschen. Die geheimnisvolle Katastrophe beschert ihm dann einen paradiesischen Neuanfang mit der Chance auf eine reifere Persönlichkeit. Wird er seine Chance nutzen? Köhlers irritierende, jenseitsgewandte Zeichen der Weggabelung säen da Zweifel.

Diese Zeichen zu entziffern ist reizvoll. Aber die verstörte Männlichkeit, die dabei zutage tritt, ist doch arg angestaubt. Armins heimliche Sehnsucht nach dem ursprünglichen Leben verweist auf die herumirrenden Kerle in Peter Handkes Büchern und Wim Wenders' Filmen aus den 1970er-Jahren. Über Opas Autorenkino heim zu Omi – das ist alles andere als ästhetisch originell. Aber fürs Rätselraten, was denn nun eigentlich mit Armin und der Welt passiert ist, taugt "In My Room" durchaus.


Quelle: teleschau – der Mediendienst