Deutschland ist Exportweltmeister. Ein Status, der nicht nur für die Wirtschaft gilt, sondern auch für die Kunst. Etliche deutsche Maler gehören zu den teuersten zeitgenössischen Künstlern. Darunter auch: Neo Rauch. Die Werke des 1960 in Leipzig geborenen Vertreters und Vorreiters der Neuen Leipziger Schule verkaufen sich, vor allem in den USA, wie geschnitten Brot. Und er selbst: ist ähnlich wie seine Bilder eine rätselhafte Figur.

Die Dokumentarfilmerin Nicola Graef hat sich nun auf die Spuren des Malers begeben und versucht, ihm mit einem Kinofilm ein paar seiner Geheimnisse zu entlocken. Und auf den ersten Blick tut sie das so, wie Dokumentarfilmer heute eben arbeiten: ohne Kommentar. Nur ganz selten kommen mal Fragen aus dem Off, doch den meisten Teil des Films über begleitet sie Rauch schlicht mit der Kamera.

Hintenrum durch die Brust

Dabei entstehen durchaus sehenswerte Szenen. So erhalten wir, eine seltene Chance, Einblicke in die Wohnungen von Sammlern mit all dem abstrusen Geschmack und erleben Menschen, bei denen man sich nicht sicher sein kann, wo die Einrichtung aufhört und die Kunst anfängt. Doch nicht nur ihre Wohnungen sehen wir, auch ihre Sichtweisen teilen sie mit uns, sie geben uns Einblicke in ihre Interpretationen, mal klug, mal plump, mal hintersinnig, mal banal.

Und natürlich erleben wir Rauch als Maler, wir bekommen Einblicke in den Malprozess. Doch wirklich etwas über den Menschen Rauch? Erfahren wir nicht. Hintenrum durch die Brust also ist diese Doku auch ein Porträt des Kunstmarkts.

"Neo Rauch – Gefährten und Begleiter" ist dabei ein Film geworden, der auch die peinlichen Momente nicht auslässt, die Begegnungen mit Fans, die Momente, in denen Rauch keine Antworten hat, in denen er kurz angebunden, schüchtern, feige ist, in denen er dem Bild von sich gerecht werden will, aber es nicht kann. Und die Momente, in denen er sich im Gegenteil in eine Art Hybris versteigt, auch im Angesicht seiner Fans und seines Erfolgs. Greifbar am Ende wird er nicht. Das macht der Film überdeutlich. In all seinen Figuren, Zitaten und Dialogen.

Kein Diskurs zu befürchten

Das Gegenstück: Rauchs wenige politische Äußerungen, die so viel klarer sind. Dann spricht er nicht als schreibe er gerade einen Roman. Gerade im Gespräch, im Vergleich, mit seiner Frau Rosa Loy, mit Galeristen, mit Journalisten, wird seine Exaltiertheit deutlich, die Gestelztheit seiner Worte, das Altmodische, das sich auch in seinen Bildern findet. Und die wenigen Fragen der Autorin, die sind am Ende so suggestiv, die passen sich Rauch in der Gestelztheit seiner Sprache derart an, dass er auch von dieser Seite nichts zu befürchten hat. Nicht mal einen Diskurs.

Verblüffend dabei: die Banalität in den Gesprächen des Künsterpaars. Da wird über malerische Details gesprochen, als ginge es um die neue Fliesenfarbe fürs Bad, da gibt es aber auch keine Intimitäten, kaum Emotionen, und das, obwohl Rauch Begriffe benutzt wie "Wiederholungsekel". Spürbar davon? Wird nur wenig. 

Insofern entlarvt dieser Film nicht nur den Kunstmarkt als solchen, sondern auch sich selbst als Beobachter. Mehr will dieser Film auch gar nicht sein, mehr kann er auch nicht sein. Dafür ist er zu nah dran, zu kritiklos, zu wenig intellektuell. Und somit ein perfekter Spiegel der Kunstwelt anno 2017.