Von altgedienten Fernsehkommissaren wie Dietmar Bär und Klaus J. Behrendt wird man kaum erwarten, dass sie über Zäune hechten oder aus fahrenden Zügen springen? Äktschn ist bei ihnen ins Gegenteil umgeschlagen, je tapsiger, desto kultiger. Jeder Sprint von Dietmar Bär wird von den Twitter- und Public-Viewing-Gemeinde, die zum Sonntagstatort gehören wie das Mütterchen zum Gottesdienst, bejubelt. Auch in Der Fall Reinhardt setzt Dietmar Bär pflichtschuldig zu einem Kürzestsprint an. Doch könnte es sein, dass den Fans in diesem Stadium des Films nicht mehr zum Lachen zumute ist. Es handelt sich um einen Stoff, der an die Nieren geht. Sollte es so was wie eine Rangliste der traurigsten Tatort-Filme geben, stünde dieser Fall weit oben. Im Haus der Reinhardts sind drei Kinder verbrannt. Die äußerlich nur leicht verletzte Mutter steht am Rheinufer und schreit nach ihrem Mann. Sie kann sich an nichts erinnern. Vom Vater fehlt jede Spur. Was nach Brandstiftung aussieht, erweist sich als Mord. Die Kinder waren vor dem Feuer betäubt worden.

Es mangelt nicht an Hinweisen, Verdächtigen und Nebengleisen, und dem Tatort-Täterraten kommt das eigentliche Drama auch nicht in die Quere. Es ist ein Drama in zwei Akten. Da ist Mutter Reinhardt (Susanne Wolff), die mit der plötzlichen Arbeitslosigkeit ihres Mannes nicht fertig wurde. Als die Raten nicht mehr bezahlt werden konnten, brach ihr Lebensmodell. Da ist Vater Reinhardt (Ben Becker). über weite Strecken des Films geistert er als Phantom durch die Handlung. Vor den Hürden eines beschwerlich gewordenen Familienparcours' hat er kapituliert und das Weite gesucht, nicht ohne die Frauen am Wegesrand mit weiteren Kindern zu beglücken. Ein Tatort als Ehedrama. Erzählt wird von eines langen Tages Reise in die Nacht. Susanne Wolff und Ben Becker gebührt das Verdienst, den Zuschauer in den Sog dieser Reise zu ziehen. Ein starker Film, gutes Fernsehen. Den Kommissaren wird, abgesehen von Blicken der Betroffenheit, körperlich nichts weiter abverlangt. Die Arbeit erledigt umsichtig Patrick Abozen als Tessa Mittelstaedts schwuler Nachfolger. Die Musik (Fabian Römer, Steffen Kaltschmid) ist grandios. Detlef Hartlap

Foto: WDR/Uwe Stratmann