Im viktorianischen London treibt ein blutrünstiger Serienkiller sein Unwesen. Doch Jack The Ripper hat diesmal erfreulicherweise Pause.

Wie die Fliegen umschwirren die Schaulustigen und Reporter bereits die Leichen. Der Andrang ist so groß, dass sich die Polizei ihren Weg zum Tatort regelrecht bahnen muss. Doch etwas so Schockierendes, so Sensationelles wie die übel zugerichteten Leiber der getöteten Kaufmannsfamilie sieht man nicht alle Tage im viktorianischen London, zumindest nicht, ohne dafür Eintritt zu zahlen. Das Setting, die Epoche, die Brutalität des Verbrechens: Alles an der Eingangsszene von Juan Carlos Medinas düsterem Thriller schreit förmlich nach Jack The Ripper. Doch den kann man als Verdächtigen diesmal getrost ausschließen – "The Limehouse Golem" spielt acht Jahre vor der Mordserie des wohl berühmtesten Serienkillers der Welt.

Sie sind einem inzwischen schon recht vertraut, die dunkleren Ecken Londons, in denen man sich Ende des 19. Jahrhunderts nur aufhielt, wenn es wirklich nötig war: Filme und Serien wie "From Hell" oder "Ripper Street" zeichneten in den vergangenen Jahren bereits ein eindrückliches Bild vom Leben und vor allem vom Sterben in den überfüllten Elendsvierteln der Stadt. Umso erstaunlicher also, dass es dem noch recht unbekannten Juan Carlos Medina gelingt, das Publikum ein weiteres Mal auf dieses gefährliche, aber eben schon etwas ausgetretene Pflaster zu locken.

Undankbare Aufgabe

Inspector John Kildare (Bill Nighy) fällt 1880 die undankbare Aufgabe zu, einen Serienmörder zu finden, der im Hafenviertel Limehouse sein Unwesen treibt. Undankbar deshalb, weil der Fall in Polizeikreisen als unlösbar gilt und der für entbehrlich erachtete Ermittler somit gnadenlos der Presse zum Fraß vorgeworfen wird. Schon bald jedoch kann Kildare, den Nighy mit kühler Eleganz spielt, den Kreis der Verdächtigen auf vier Männer eingrenzen: den schillernden Varieté-Star Dan Leno (Douglas Booth), den (real existierenden) Schriftsteller George Gissing (Morgan Watkins), den (ebenso realen) Philosophen Karl Marx (Henry Goodman) und den Theaterautor John Cree (Sam Reid).

Einen nach dem anderen stellt der alte Polizist zur Rede, lässt jeden von ihnen vor seinem inneren Auge einen der Morde verüben, der dem sogenannten Limehouse Golem angekreidet wird – was dem Zuschauer das wohl einmalige Vergnügen beschert, Karl Marx als messerschwingenden Mörder zu sehen. Nur John Cree kann Kildare nicht befragen, der nämlich wurde bereits selbst ermordet. Von seiner Ehefrau, dem ehemaligen Bühnenstar "Little Lizzy" (Olivia Cooke), darüber sind sich die voreingenommenen Richter bereits einig. Doch was, fragt sich Kildare, wenn Elizabeth Cree ihren Mann nur tötete, um einen Serienkiller unschädlich zu machen?

Ein paar Andeutungen zu viel

Während sie dem Inspector zögerlich aus ihrem bewegten Leben erzählt, verlagert sich der Fokus des Films nach und nach auf die schöne Todgeweihte. Klammheimlich zieht sie die Zuschauer in ihren Bann und wird, obwohl der Titel von Peter Ackroyds Romanvorlage (1994) doch einst "Dan Leno and the Limehouse Golem" lautete, zur eigentlichen Hauptfigur des Films. Vor rund 15 Jahren wäre die Rolle der zerbrechlichen, rätselhaften jungen Frau zweifelsohne an Christina Ricci gegangen, nun aber wurde sie von "Bates Motel"-Entdeckung Olivia Cooke übernommen, der sie ebenso gut steht.

Nicht nur am Beispiel der Elizabeth Cree verdeutlichen Regisseur Juan Carlos Medina und Drehbuchautorin Jane Goldman ("Die Frau in Schwarz") geradezu beiläufig, wie die trostlose Lebenswelt von Frauen zu dieser Zeit an diesem verdammten Ort aussah. Allein die Andeutungen darüber lassen das Blut der Zuschauer manchmal mehr gefrieren als der Anblick der hübsch drapierten Leichen. An anderer Stelle erlauben sich Medina und Goldman jedoch leider ein paar Andeutungen zu viel: Wer am Ende als blutrünstiger Limehouse Golem enttarnt wird, lässt sich trotz sorgfältig gelegter falscher Spuren doch relativ früh absehen.

Quelle: teleschau – der Mediendienst