Bleiben oder gehen? Die Frage ist für die Geflohenen entscheidend.
Das geschichtsträchtige Gelände des Flughafens Tempelhof beherbergte Flüchtlinge. Der gelungene Film stellt die neu Angekommenen und die Heimischen gegenüber.

Zentralflughafen THF

KINOSTART: 05.07.2018 • Dokumentarfilm • D / F / BR (2018) • 101 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Zentralflughafen THF
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
D / F / BR
Filmstudio
Lupa Film, Les Films d'Ici, Canal Brasil
Laufzeit
101 Minuten
Regie
Karim Aïnouz
Music
Benedikt Schiefer
Kamera
Juan Sarmiento G

Filmkritik

Flughafen, Flucht- und Freizeitpark
von Claudia Nitsche

Jeder, der schon einmal im November in Berlin war, weiß, dass die Hauptstadt dann eine maximal unwirtliche Gegend ist. Der Dokumentarfilmer Karim Aïnouz schafft es jedoch, trotz des nebligen Herbstes, stimmungsvolle Bilder zu zaubern. Das steht sinnbildlich für die Atmosphäre, die er im Flüchtlingsdorf Tempelhof mit seinem Zeitporträt "Zentralflughafen THF" schafft.

Der Berliner Autor und Künstler beginnt seinen Film mit einem geschichtlichen Abriss des kleinsten der drei städtischen Flughäfen, der im Oktober 2008 geschlossen wurde. Das riesengroße Gelände avancierte nach der Stilllegung zum städtischen Naherholungsgebiet, aufgrund seiner spektakulären Architektur auch zur Filmkulisse für Blockbuster wie "Die Tribute von Panem". Daneben wurden die Hangars 2015 zur größten Flüchtlingsunterkunft Deutschlands erklärt, wo zwischenzeitlich 3.000 Geflüchtete untergebracht waren. 2017 wurde die Notunterkunft durch den Bau eines Containerdorfs am Randbereich des Flughafens ersetzt.

Karim Ainouz wohnt in der Nähe und erlebte die Ankunft der Flüchtlinge mit. Seine Idee eines Films darüber setzte er sehr behutsam um. Das merkt man. Vier Monate lang ging er zunächst ohne Kamera dorthin, einfach um zu helfen. Erst danach begann er zu drehen. Die längere Kennenlernzeit beantwortet wohl die Frage, die man sich während des Films häufig stellt: Wie hat er es geschafft, so viele natürliche Momente zu filmen? Seine Rücksichtnahme und das respektvolle Annähern liefern ein anderes Ergebnis, als wenn die Filmcrew lediglich für eine Reportage angerückt wäre. Die Kamera wird selten zum Störfaktor.

Über ein Jahr lang filmte der Berliner die Menschen – und zwar nicht nur innerhalb des Wohnbereichs, sondern auch draußen vor der Tür. Dort vergnügt sich der Einwohner Berlins, nutzt die Weite Tempelhofs für seine Freizeitgestaltung, die gerne etwas exaltierter sein darf als in der restlichen Republik. Diese Gegensätze und die Geduld, diese Gegenüberstellung so zu bebildern, zeichnen den Film aus.

Ibrahim und Qutaiba beispielsweise sind zwei Menschen, die versuchen, nachdem in ihrer Heimat alles zusammengebrochen ist, sich "ein Leben danach" aufzubauen. Der junge Syrer Ibrahim führt mit seinen Erinnerungen durch das Jahr, anfangs vermisst er noch die Bäume und die von ihm geschätzte Einsamkeit, doch die Gedanken an Aleppo werden weniger. Eine Garantie, wie lange Ainouz seine Protagonisten zur Verfügung hatte, gab es keine. Sie konnten verlegt oder abgeschoben werden. So musste der Regisseur die zwölf Monate ohne Planung einfach geschehen lassen.

Oftmals sind es Stille und auch repetitive Momente, die dem Ganzen eine große Ruhe geben. Friedliche Gemütlichkeit im Mikrokosmos oder die Beschäftigung mit Kleinigkeiten bleiben in Erinnerung. Einen Fokus setzte der brasilianisch-algerische Dokumentarfilmer aber bewusst: arabische Männer anders darzustellen, als das gemeinhin geschieht.

Durch sein achtsames Arbeiten gelingt dem 52-Jährigen so etwas wie ein Empathiewecker. Was vielleicht auch daran liegt, dass er ähnliche Erfahrungen gemacht hat, als er Mitte der 80er-Jahre von Brasilien nach Frankreich zog, um bei seinem algerischen Vater zu wohnen. Schon sein Vorname verpasste ihm die Schublade des algerischen Einwanderers und machte ihm das Leben so schwer, dass er lieber wieder ging. Diese Alternative bietet sich allerdings nicht jedem.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Weitere Darsteller
Ibrahim Al Hussein Qutaiba Nafer Maria Alahmad Christine Kiessig-Kämper Olivier Bonnet Mahmoud Sultan Jihad Mohamad Gert Köppe Eva Szybalski Sigrid Mausch

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