Héloise (Sandrine Kiberlain, vorn) und Jade (Thaïs Alessandrin) hängen sehr aneinander.
Die melancholische Komödie "Ausgeflogen" erzählt vom bittersüßen Abschied einer Mutter von ihrer Tochter, die ein Studium in Kanada beginnen will.

Ausgeflogen

KINOSTART: 18.07.2019 • Tragikomödie • FR (2019) • 85 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Mon bébé
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
FR
Filmstudio
Love is in the air, Pathé, France 2 Cinéma, Les productions Chaocorp, CN8 Productions, C8 Films
Budget
8.000.000 USD
Laufzeit
85 Minuten
Regie
Lisa Azuelos
Music
Yaël Naïm
Kamera
Antoine Sanier

Filmkritik

Bittersüßer Abschied
von Andreas Günther

Was geschieht, wenn die Tochter ins eigene Leben aufbricht? Der französische Film "Ausgeflogen" ist eine warmherzige Liebeserklärung an Mütter und ihre Kinder.

Gibt es eine schönere, eine rührendere Allegorie von Mutterliebe als diese? Die Liebe, sagt Héloïse (Sandrine Kiberlain) in der melancholischen Komödie "Ausgeflogen" zu ihrer Tochter, die Liebe kommt als Strahlen aus den Augen der Mutter und fließt ins Kind ein. Das Kind füllt sich immer mehr mit Liebe, und damit es nicht platzt, wächst es ... Wenn jemand das so gefühlvoll sagt wie Sandrine Kiberlain, bleibt kaum ein Auge trocken.

Angesichts des nahenden Auszugs der jüngsten Tochter stellen sich bei Héloïse wehmütige Erinnerungen und Zukunftsskepsis ein. Die Alltagspoesie in Wort und Bild, mit der die französische Regisseurin Lisa Azuelos dies schildert, trifft ins Herz, ohne eine Kitschspur zu hinterlassen. Mit einer Kiberlain, die total in ihrer Rolle aufgeht, und der eigenen Tochter als Co-Autorin und zweiter weiblicher Hauptfigur genügt ihr ganz wenig Handlung, um auf nachdenkliche Art amüsant den Schrecken emotionaler Leere zu umkreisen. Damit lässt Azuelos sogar "LOL" hinter sich, die Mutter-Tochter-Komödie mit Sophie Marceau und ihr bisher größter Erfolg.

Héloïse schreckt ein Brief aus Kanada auf. Obwohl der an ihre Tochter Jade (Thaïs Alessandrin) adressiert ist, öffnet sie ihn und erfährt so, dass Jade an einer renommierten Universität im fernen Toronto angenommen wurde. Es ist nicht so, dass Héloise nicht bereits Erfahrungen mit solchen Trennungen hätte. Ihre ältere Tochter Lola (Camille Claris) und ihr Sohn Théo (Victor Belmondo, der Enkel von Jean-Paul Belmondo) leben schon lange nicht mehr zu Hause. Aber hängt sie nicht an Jade am meisten?

Héloïse muss ihr Restaurant führen, und ihr geschiedener Mann Franck (Yvan Atall) soll sich gefälligst an den Studiengebühren beteiligen. Jade hat mit Louis (Mickaël Lumière) nun ihren ersten Freund, der von Kanada nichts weiß. Außerdem ist ja auch noch fürs Abi zu pauken. Aber dennoch: Jade wird gehen, und auf der Suche nach dem angemessenen Umgang damit wandert Héloïse zwischen Vergangenheit und Gegenwart, kehrt zu den bewegendsten Momenten mit der kleinen Jade zurück, erlebt noch einmal den ganzen Stress einer alleinerziehenden Mutter und kommt, unaufhörlich mit Handy- und Minikamera filmend, auf die verrücktesten Ideen, um Jade in lebendiger Erinnerung zu behalten.

"Ausgeflogen" hat durchaus ein paar Schwächen. Wie Regisseurin Azuelos die eigene Tochter in intimen Szenen mit dem Filmfreund aufnimmt, hat zwar nichts Anstößiges, hinterlässt aber den Nachgeschmack eines Bewerbungsvideos für Thaïs Alessandrin. Überdies ruht die Story auf brüchigem Fundament. Weder überzeugt die Figur der Jade als Schülerin mit Ambitionen noch Héloise als Restaurantchefin. Aber beim bittersüßen Abschied von der Tochter trifft Azuelos eben immer den richtigen Ton.

Virtuos mischt sie authentisch anmutende Unmittelbarkeit der Kamera mit leisen Zeitsprüngen und sogar einer Spiegelung des filmischen Prozesses selbst. Ihre größte Trumpfkarte heißt jedoch Sandrine Kiberlain. Als Mutter ist die 51-Jährige reine Empfindung, schleudert mit anrührender Komik alles heraus, was sie bewegt, bringt jede Sekunde des Countdowns der Trennung zur Verkörperung. "Ausgeflogen" wird durch sie fast eine One-Woman-Show, oder, umgekehrt gesagt: Die Show, das ist sie. Das gilt im besten Sinne des Wortes. Denn ihre Héloïse ist hingebungsvolle Hommage an die unzähligen Mütter, die sich für ihre Kinder aufopfern und einsame Königinnen der Herzen sind.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Sandrine Kiberlain
Weitere Darsteller
Thaïs Alessandrin Victor Belmondo Mickaël Lumière Camille Claris Kyan Khojandi Arnaud Valois Patrick Chesnais Yvan Attal Marie Bouvet Mila Ayache Edwina Zajdermann Victor Peeters Lya Oussadit-Lessert Arthur Benzaquen Mariama Gueye Claire Viville Léo Lanvin Catherine Davydzenka

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