"Begehren, Sehnsucht, Gier – solange es sowas gibt, schlägt der Puls", sagt Zazie (Adèle Haenel). Und Zazies Puls, der schlägt nicht nur, er kocht. "Zazie kann sehr freundlich sein, aber mein zweiter Name ist Terror", schiebt sie mit französischem Akzent, halb gesäuselt, halb gezischelt, hinterher. Es wird nicht der letzte zweite Name sein, den sie sich im Laufe der Geschichte gibt.

Diese Geschichte, sie handelt im Kern von Zazie Lindeau und Totila Blumen (Lars Eidinger). "Toto" ist Historiker – genauer: Holocaust-Forscher – und hat sich Zazie gegenüber gerade einen Affront geleistet. Mit einem Mercedes wollte er sie vom Flughafen abholen, dabei wurde Zazies Großmutter von den Nazis doch in einem Mercedes umgebracht! Eigentlich ist es da schon gelaufen zwischen den beiden, und dass diese exzentrische Französin ihm kurze Zeit später ein Geständnis macht, ändert daran auch nichts mehr. "Ich bin extrem gestört", sagt sie da, "man merkt es vielleicht nicht so", doch während dem Zuschauer das von der ersten Minute an klar ist, merkt Totila tatsächlich fast gar nichts mehr.

Eins der Probleme zwischen den beiden: Toto hat ein ganz klares Selbstverständnis: "Ich bin Holocaust-Forscher", sagt er, "ich verdiene mein Geld damit, negativ zu sein. Was gibt mir das gottverdammte Recht dazu, positiv zu sein?!" Zazies Antwort fällt kurz und einfach aus: "Ich." Und ganz falsch liegt sie damit nicht – wenngleich das für Totila zunächst ganz anders aussieht. Der nämlich liegt ohnehin schon im Clinch mit der ganzen Welt, allen voran mit Balthasar "Balti" Thomas (Jan Josef Liefers), der ihm gerade als Direktor seines Forschungsinstituts vor die Nase gesetzt wurde und nun den wichtigsten Auschwitz-Kongress seit Jahren vorbereiten darf – und ihn natürlich vermasseln wird, soviel ist für Toto sicher. Und dann soll ihm Zazie nicht nur als Praktikantin helfen, sie offenbart ihm auch noch, ein Verhältnis mit "Balti" zu haben.

"Sie haben Defekte, ich habe Defekte"

Holocaust-Forscher Totila und Praktikantin Zazie.

Als wäre die Figurenkonstellation, die Regisseur Chris Kraus ("Vier Minuten", "Poll") hier aufgestellt hat, nicht schon wunderbar genug, hat er seine Rollen auch noch mit Schauspielern besetzt, denen es gelingt, sich aber auch wirklich sofort in die Herzen der Zuschauer zu spielen. Lars Eidinger legt seine Rolle als Misanthrop herrlich neurotisch an, Adèle Haenel ist eine Entdeckung für das deutsche Kino, und die im August 2016 verstorbene Sigrid Marquardt brilliert als Holocaust-Überlebende "Frau Rubinstein" mit so viel Chuzpe und Kantigkeit, dass es eine wahre Freude ist. Selbst Jan Josef Liefers als Balti gelingt es in den besten Momenten, den Professor Boerne aus dem Tatort abzuschütteln, den er dann doch immer ein wenig mit sich rumträgt und den auch Chris Kraus offenbar nie ganz aus dem Kopf gekriegt hat.

Und dann diese Charaktere! Manchmal distanziert, manchmal hautnah, aber immer mit Fingerspitzengefühl porträtiert Chris Kraus mit "Die Blumen von gestern" lauter Menschen, deren Alltag, deren Denken und Fühlen ohne die Geschichte, ohne Politik, ohne die historische Schuld der Nazi-Zeit nicht vorstellbar wären – all die Fettnäpfchen, die zu diesem Thema gehören, inklusive. Denn sie alle, Totila, Zazie und Baltie, sind so dünnhäutig wie tollpatschig, so neurotisch wie ausschließlich auf sich fokussiert.

Lange macht es dieser Film dem Zuschauer dabei nicht gerade leicht, diese Figuren zu durchschauen. Da wäre Hannah (Hannah Herzsprung), die Frau von Totila Blumen, mit der er eine Adoptivtochter hat, die vom gemeinsamen Alltag aber so gelangweilt scheint als handele es sich um eine Papierehe. Und so flüchtet sie sich regelmäßig zu anderen Männern, mit denen sie hemmungslosen Sex hat, selbst während der Arbeitszeit. Dabei hatten Toto und sie doch klare Zeiten vereinbart!

Da wäre die schon angesprochene "Frau Rubinstein", der Kraus so treffsicher die Dialoge auf den Leib geschneidert hat. Da sitzt sie in ihrer altmodischen Villa, der bettelnde Totila Blumen vor ihr, der sie als Rednerin für "seinen" Kongress gewinnen will, und lässt ihn nonchalant, fast schon hemdsärmlig auflaufen. "Sie haben Defekte, ich habe Defekte", legt sie los. "Ich möchte lieber über Dinge sprechen, die geklappt haben." Seine plumpe Antwort: "Was hat denn geklappt?" – "Ich habe mich liften lassen."

Ein Fest für Psychologiestudenten

Chris Kraus große Stärke in diesem Film ist es, das Thema des Holocaust eigentlich gar nicht zu thematisieren. All die Konflikte, die seine Protagonisten da ausleben, all der Ballast, den sie mit sich herumtragen, die Ängste und Sehnsüchte, haben mit dem Dritten Reich am Ende gar nichts zu tun. Zwar versuchen sie alle – Totila, Zazie und Baltie – die Wunden dieses vergangenen Jahrhunderts zu heilen, doch sie alle haben eigentlich viel zu viel mit ihren eigenen Wunden zu tun. Dieser Film, er ist ein Fest für Psychologiestudenten.

Und die Kamera? Die macht das alles mit. Wie ein Schatten folgt Sonja Rom den Figuren, sie prügelt sich mit ihnen, sie tanzt mit ihnen, sie kuschelt mit ihnen – und das ist teilweise so aberwitzig, so rührend und so erotisch, wie man es selten sieht im deutschen Kino. Und natürlich gibt es in diesem wie eine Komödie wirkenden Film auch eine ganz bewusst nur laienhaft versteckte Tragödie. "Mein zweiter Name ist 'Peace and Harmony'", gurrt Zazie irgendwann, doch ihr wirklicher zweiter Name, der stellt am Ende eine Verbindung her, die dem Film eine Wendung ins Dramatische gibt, ohne zu kippen.

"Ich kann damit aufhören, wenn Du möchtest", sagt Totilas Frau irgendwann zu ihm, nachdem sie mal wieder mit einem anderen unter der Dusche war. "Ich kann damit aufhören, wenn es Dir so weh tut." Doch hier kann niemand aufhören, hier treiben es am Ende alle auf die Spitze. Nur für einen gilt das leider nicht ganz: für Drehbuchautor und Regisseur Chris Kraus. Der kommt am Ende nicht ganz um eine gewisse Portion Kitsch, um ein oder zwei Hollywood-Momente herum, die für den sonst so bissigen, hintersinnigen Film ein wenig zu sentimental und platt geraten sind. Dem Charme von "Die Blumen von gestern" tut das zum Glück keinen Abbruch, denn dafür ist dieser Film einfach zu respektlos – und zu erfrischend.