Wie lebte und lebt es sich als Türsteher in der Hauptstadt? "Berlin Bouncer" begleitet unter anderem Berghain-Legende Sven Marquardt.
David Dietl proträtiert in seinem Film "Berlin Bouncer" die drei altgedienten Berliner Türsteher (von links) Sven Marquardt, Frank Küster und Smiley Baldwin.

Berlin Bouncer

KINOSTART: 11.04.2019 • Dokumentarfilm • D (2019) • 90 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Berlin Bouncer
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
D
Laufzeit
90 Minuten
Regie

Filmkritik

"Sorry, heute leider ohne dich!"
Von Maximilian Haase

Wie man in den härtesten Club der Welt kommt, verrät Berghain-Türsteher Sven Marquardt auch in "Berlin Bouncer" nicht. Wie es sich in der Hauptstadt-Szene der wilden 90er lebte und wie heute, zeigt die Doku-Hommage hingegen sehr wohl.

Hach ja, das Berghain. Viel beschrieben und beweihräuchert, ranken sich um den angeblich besten Club der Welt und seine angeblich härteste Tür der Welt zahlreiche Legenden. Neben den üblichen Darkroom- und Drogen-Exzessen drehen sich viele davon um den nicht minder ikonischen Türsteher des Berliner Technoclubs: Sven Marquardt, jener volltätowierte und -gepiercte Exzentriker und Künstler, dessen geschulter Blick innerhalb von Sekunden entscheidet, wer den Hedonisten-Tempel betreten darf – und für wen es heißt: "Sorry, heute leider ohne dich!"

Dabei ist der 1962 geborene Ostberliner in Wirklichkeit so etwas wie ein verspielter Szene-Teddy, der sich wie ein liebender Papa um die kuschel-, tanz- und sexbedürftigen Techno-Hipster kümmert. Dazu gehört auch die Tür: "Mit der Auswahl der Gäste tragen wir eine Verantwortung für die Leute, die da drin so sein können, wie sie sind", sagt der gelernte Fotograf, der heute auch als Künstler erfolgreich ist. Wer ist dieser mythenumrankte Mensch, der im wilden Berlin der Nachwendezeit im legendären Ostgut als Türsteher begann? Die ebenso intime wie wehmütige Dokumentation "Berlin Bouncer" porträtiert Marquardt und zwei weitere Legenden des Berliner Nachtlebens, die in den wilden 90er-Jahren als junge Türsteher anfingen und dies heute, in einer veränderten, gentrifizierten Metropole und in fortgeschrittenem Alter noch immer sind.

Neben dem Berghain-Türsteher, der – man mache sich keine Hoffnungen – weder bei seiner Tätigkeit gezeigt wird noch verrät, wie man denn nun an ihm vorbeikommt, widmet sich David Dietls Film auch dem einst aus Westdeutschland nach Berlin gezogenen Frank Küster sowie dem ehemaligen GI Smiley Baldwin. Dietls oft beiläufig geführte Einzelgespräche erweisen sich als wahre Fundgrube aus Anekdoten und Weisheiten zum nicht selten mystifizierten Leben in der Nacht.

"Man malt jeden Abend ein neues Bild", weiß etwa Baldwin, der auch erzählt, wie er kurz nach der Wende als schwarzer US-Soldat das Nachtleben des Ostens erkundete, obwohl ihn alle vor rassistischen Übergriffen gewarnt hatten. Als "Exzessbetreuer" sieht sich Küster, dessen King Size Bar im Laufe des Films wegen Lärmbelästigung geschlossen werden muss. Früher, so eine Lehre der einfühlsamen, und dennoch nur selten verklärenden Dokumentation, war in dieser Hinsicht tatsächlich alles besser. Früher: Das meint die 90er-Jahre, als in Berlin kurz nach dem Mauerfall paradiesische Bedingungen für Außenseiter, Tagträumer und Experimentierer herrschten.

Manchmal gerät dieser Blick auf eine Ära, in der alles möglich schien, auch durch fantastisches Archivmaterial zum melancholisch-nostalgischen Rückblick, zu einem "wie jung und wild wir waren" der alternden Zeitzeugen. Deren Leben scheint, vor dem Kontrast der heutigen durchkapitalisierten Touristen-Clubkultur in den glattgeleckten Straßen eines einst runtergerockten Berlin, einem Märchen zu entstammen. "Ich neige zur retrospektiven Glorifizierung", stellt Küster fest. Großartig auch die Bilder des jungen Sven Marquardt als Ost-Punk, scheinbar entsprungen einer fremden Galaxie vor langer Zeit.

Doch sind es witzige, selbstironische, weise Menschen aus Fleisch und Blut, die der Regisseur da über Jahre begleitet hat: Denn es gelingt "Berlin Bouncer" auch, seine Protagonisten jenseits von wehmütigen Rückblicken als spezielle Menschen, als Lebenskünstler um die 50 zu porträtieren. Da sieht man Marquardt bei seiner Lehre an der Fotoschule, da sieht man Küster, der sonst an der Clubtür den genießenden Vielumarmer gibt, beim Klassentreffen und beim Besuch seiner Familie im Ruhrpott. Sein Neffe fasst angesichts des Kamerateams die Essenz des Films knapp zusammen: "Wie lebt so ein Türsteher eigentlich?"


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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