Die beiden jungen Schauspieler Stephen Odubola (links) und Micheal Ward sind selbst in den raueren Gegenden der englischen Hauptstadt aufgewachsen. In Rapmans Langfilm-Debüt "Blue Story" zerstört die Loyalität zu verschiedenen Gangs ihre Freundschaft.
Die beiden jungen Schauspieler Stephen Odubola (links) und Micheal Ward sind selbst in den raueren Gegenden der englischen Hauptstadt aufgewachsen. In Rapmans Langfilm-Debüt "Blue Story" zerstört die Loyalität zu verschiedenen Gangs ihre Freundschaft.

Blue Story

KINOSTART: 25.06.2020 • Drama • GB (2019) • 91 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Blue Story
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
GB
Laufzeit
91 Minuten

Filmkritik

Wahrer Freund? Falsche Postleitzahl!
Von Christopher Schmitt

Dieses London ist von Finanzzentrum und Buckingham Palace weit entfernt: Im mitreißenden Gang-Drama von Andrew Onwubolu werden zwei Freunde aufgrund unterschiedlicher Gang-Mitgliedschaft zu erbitterten Feinden.

Die britische Kino-Kette Vue hatte im November 2019 Bemerkenswertes zu berichten. Innerhalb von 24 Stunden sei es in 16 verschiedenen Kinos zu "erheblichen Zwischenfällen" gekommen – allesamt in Verbindung mit dem Gang-Drama "Blue Story", das kurz zuvor seine Premiere feierte. Die heftigste Auseinandersetzung unter Teenagern ereignete sich in Birmingham, einige brachten Macheten ins Kino mit. Obwohl Vue den von Rapper Rapman, bürgerlich Andrew Onwubolu, inszenierten Film als "fantastisches Werk" bezeichnete, sah man sich gezwungen, ihn vorübergehend aus dem Programm zu nehmen. Am 25. Juni läuft er nun in Deutschland an.

Den Hintergrund von Onwubolus Langfilmdebüt bilden die sogenannten "Postcode Wars" – die Postleitzahlenkriege – die Gangs aus benachbarten Vierteln auf den Straßen Londons austragen. Diese Gang-Kämpfe sind bittere Realität, angeblich beruht auch "Blue Story" auf wahren Begebenheiten aus der Vergangenheit des Regisseurs. Zumindest besuchte Onwubolu ebenfalls in London eine Schule, die außerhalb seiner Wohngegend lag – so wie die Hauptperson Timmy.

Der schüchterne Jugendliche Timmy (Stephen Odubola) lebt zwar im Bezirk Deptford, geht nach dem Willen seiner Mutter jedoch auf die Peckham High School in einer anderen Ecke Londons. Dort lernte er bereits vor vielen Jahren seinen allerbesten Freund, den extrovertierten Marco (Micheal Ward), kennen. Die beiden sind ein Herz und eine Seele und beschützen sich gegenseitig. Schließlich ist Marcos Bruder (Eric Kofi-Abrefa) der Anführer einer Gang, welche mit der Bande von Timmys alten Leuten seit Langem verfeindet ist. Kurz nachdem Timmy endlich seine Angebetete Leah (Karla-Simone Spence) für sich gewinnen konnte, kommt es jedoch aufgrund ihrer Herkunft zu einem Bruch mit Marco – und zu einer folgenschweren Katastrophe.

Diese Katastrophe markiert die große Zäsur in der Geschichte. Trotz der stetig schwelenden Bedrohung durch die Straßenbanden nimmt sich das Drama im ersten Teil immer wieder Zeit für die gewöhnlichen Probleme und Freizeitaktivitäten eines Teenagers: Schüchternheit gegenüber den Mädchen, Party mit den Jungs, die Verbundenheit zum besten Kumpel. Diese Aspekte helfen dabei, die Tiefe der Figuren zu vermitteln und die charakterliche Gegensätzlichkeit der beiden Hauptprotagonisten herauszustellen.

Ihre Wandlung im zweiten Abschnitt, der drei Jahre später spielt, zu skrupellosen Gangstern fällt umso drastischer aus. Die beiden Hauptrollen werden von Newcomer Stephen Odubola und Micheal Ward ("Topboy") beeindruckend authentisch verkörpert. Beide wuchsen selbst in den raueren Ecken Londons auf – und bringen ihre Erfahrungen gewinnbringend ein.

Authentizität ist grundsätzlich eine große Stärke des Films, dessen Ästhetik an Rapmans erfolgreiche YouTube-Videos erinnert: In einem Leben, in dem Respekt auf der Straße überlebenswichtig scheint und es zum Verhängnis werden kann, allein an der falschen Ecke unterwegs zu sein, wird nichts beschönigt oder gar romantisiert. Das gilt auch für das wichtigste Gebot der Gangs: bedingungslose Loyalität. Diese findet sich hier nicht als kitschig inszenierte Männerbande, sondern als Auslöser eines Strudels der Gewalt, die damit ihren Anfang nimmt, dass man den Farben der eigenen Bande gegenüber im Zweifel loyaler ist als dem besten Freund.

Die Dialoge sind energiegeladen und strotzen nur so vor Testosteron. In vielen Szenen wirkt die Luft regelrecht entflammbar – bis der entsprechende Funke tatsächlich überspringt. Das Ende kommt etwas zu pathetisch daher, kann aber den Eindruck eines ebenso unterhaltsamen wie mitreißenden Gangster-Dramas nicht schmälern. Rapman ist dabei nicht nur das Regiedebüt im Langfilmbereich geglückt, mit seinen die Geschichte kommentierenden Rapparts, in denen er selbst vor der Kamera zu sehen ist, liefert er zusätzlich ein wirkungsvolles und individuelles Stilmittel mit.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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