Die Sozialkomödie "Der Glanz der Unsichtbaren" legt den Finger in die Wunden eines bürokratischen Hilfesystems, das soziales Engagement untergräbt. Trotz eines ungeschönten Sozialrealismus à la Ken Loach kommt der Humor nicht zu kurz.

Vielleicht liegt es ja an der aktuellen Diskussion über die Ungleichheit im Lande. Das sozialkritische Kino erfreut sich beim deutschen Publikum zurzeit auf jeden Fall größter Beliebtheit. Momentan läuft Nora Fingscheidts beeindruckender Film "Systemsprenger" erfolgreich in den Kinos, ein bestens recherchiertes Drama über die Schwachstellen staatlicher Hilfsangebote. Der sperrige Film kann sich gar Hoffnungen auf den Auslands-Oscar machen. Nun öffnet die thematisch verwandte, ebenfalls sorgfältig recherchierte Sozialkomödie "Der Glanz der Unsichtbaren" aus Frankreich dem Zuschauer auf unterhaltsame Weise die Augen für die Probleme obdachloser Frauen auf der Straße. Wie in Fingscheidts Film zeigt Regisseur Louis-Julien Petit in seinem heimischen Überraschungserfolg auf, dass diesen "Unsichtbaren" mit Hilfe streng nach Vorschrift oft nicht zu helfen ist.

In Deutschland sind etwa 30 Prozent der Menschen, die auf der Straße leben, Frauen; in Frankreich sind es sogar 40 Prozent. Zu ihnen gehört auch die vierschrötige Chantal (herausragend: Adolpha Van Meerhaeghe), die wie die meisten der Obdachlosen in diesem Film äußerst authentisch von einer Ex-Stadtstreicherin dargestellt wird. Doch während das Buch und die Dokumentation von Claire Lajeunie, die Petit als Inspiration dienten, damit endet, dass Chantal einen Platz in einem Wohnheim ergattert, gefällt es der Chantal im Film dort nicht. So schlägt sie am nächsten Morgen, gemeinsam mit vielen anderen Frauen, wieder vor den Toren einer von vier engagierten Sozialarbeiterinnen geführten Tagesstätte in einer grauen Provinzstadt in Nordfrankreich auf.

Schon bald stehen die von "echten" Schauspielerinnen verkörperten Helferinnen – die idealistische Audrey (Audrey Lamy), die vernünftige Manu (Corinne Masiero), die ehrenamtlich tätige und mit Eheproblemen kämpfende Hélène (Noémie Lvovsky) sowie die aufmüpfige Angélique (Déborah Lukumuena) vor einem Problem: Die Stadtverwaltung will dem Schutzraum für obdachlose Frauen die Mittel streichen. Angeblich, weil er ineffizient ist. Zudem lässt sie die illegale Zeltstadt, in der viele der Frauen bislang übernachtet haben, räumen.

Also entschließen sich die Sozialarbeiterinnen, deren desolates Privatleben in zwei Subplots angerissen wird, zu einem Akt zivilen Ungehorsams. Sie starten ein illegales Notprogramm, um "ihre" Frauen innerhalb der nächsten drei Monate wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Dazu organisieren sie Workshops und lassen die Frauen, die sich selbst strahlende Namen wie Lady Di und Beyoncé gegeben haben, verbotenerweise in der Tagesstätte übernachten.

Während über allem die kraftvolle Hymne "Sisters Are Doin' It for Themselves" schwebt, üben die Frauen, die unterschiedlichste Berufserfahrungen mitbringen, sich etwa in Bewerbungsgesprächen. Vor allem die handwerklich äußerst talentierte Chantal bringt dabei die Betreuerinnen immer wieder zur Verzweiflung – kann die ehrliche Haut es doch nicht lassen, stets frei von der Leber weg zu erzählen, dass sie einst ihren prügelnden Ehemann erschossen hat.

Besonders in diesen humorvollen, semidokumentarischen Szenen, in denen viel improvisiert wurde, gelingt Regisseur Petit das Kunstwerk, die Würde, Komplexität und Kraft der "Unsichtbaren" zum Leuchten zu bringen. Was für starke und auf den zweiten Blick wunderschöne Frauen lässt dieses unmenschliche System doch durch seine Maschen fallen! Und wie viel Steine legt man den ebenfalls so gut wie unsichtbaren, häufig weiblichen Helferinnen in den Weg, die aufopferungsvoll alles daran setzen, um eben jene Menschen wieder in die Gesellschaft einzugliedern. "Der Glanz der Unsichtbaren" lässt den Zuschauer ebenso schmunzeln wie sich über die Unmenschlichkeit der Gesellschaft entrüsten. So geht dieser perfekt besetzte Ensemblefilm über französische Systemsprengerinnen zu Herzen, ohne in Elendskitsch zu versinken.


Quelle: teleschau – der Mediendienst