Astrid, von der großartigen Maren Eggert gespielt, ist eine unnahbar wirkende Frau, die ihr Leben neu sortieren muss.
Reduziert auf das Wesentliche ist "Ich war zuhause, aber ..." eine poetische Reflexion über das Leben und seine Inszenierung.

Ich war zuhause, aber ...

KINOSTART: 15.08.2019 • Drama • D / SRB (2019) • 105 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Ich war zuhause, aber
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
D / SRB
Laufzeit
105 Minuten

Filmkritik

Sie kaufte ein Fahrrad
Von Andreas Fischer

Eine Mutter muss ihr Leben neu ordnen, sie kauft ein Fahrrad, ihre Kinder rezitieren Hamlet: "Ich war zuhause, aber ..." ist eine grandiose Zumutung von Film und sucht poetisch nach der Essenz des Kinos.

Eingeklammert ist Angela Schanelecs Film "Ich war zuhause, aber ..." am Anfang und am Ende in eine tierische Metapher: Ein Hund jagt einen Berg herunter, ebenso ein Hase. Ein paar Schnitte weiter hat der Hund einen Hasen gefressen und wurde dabei von einem stoischen Esel beobachtet. Das Tier sieht, was es sieht. Genau wie das Publikum. Aber sind Hund und Hase die gleichen? Oder haben Schnitt und Montage eine Wirklichkeit geschaffen, die echt aussieht und doch nur eine Illusion ist? In der Zwischenzeit läuft eine Mutter durch Berlin und umschlingt die Füße ihres tagelang vermissten Sohns, Kinder rezitieren "Hamlet", und es wird ein Fahrrad gekauft.

Extrem ruhig und in eine Künstlichkeit entsandt: Alles in Angela Schanelecs Film "Ich war zuhause, aber ..." ist artifiziell, obwohl es irgendwie nach dem echten Leben aussieht – die Menschen, die Stadt, die Bäume, die Geräusche. Im Kern beschäftigt sich der Film mit der Essenz des Kinos: Was wir auf der Leinwand sehen, ist inszeniert. Echt ist hier gar nichts. Auch wenn es so aussieht. Das Leben, das uns vorgespielt wird, ist im Kino immer eine Täuschung. In Marvel-Filmen ist das offensichtlicher als in Vorstadtdramen, aber auch "authentische" Filme sind immer nur ein Abbild der Wirklichkeit – ausgedacht und auf die Leinwand gebracht von Künstlern und Künstlerinnen. Das Leben ist, zumindest im Kino, reine Interpretationssache.

Regisseurin Schanelec geht es nicht um das "Was will ich erzählen?", es geht ihr um das "Wie". Nicht viel wird also erklärt, aber alles fließt irgendwie. Die Protagonistin Astrid, von der großartigen Maren Eggert gespielt, ist auf den ersten Blick so unnahbar, wie eine Figur nur unnahbar sein kann. Die Mutter zweier Kinder versucht seit zwei Jahren, ihr Leben neu zu ordnen. Dabei läuft sie durch Berlin, kauft ein gebrauchtes Fahrrad, redet in der Schule mit den Lehrern ihres Sohnes und streitet sich in einem wunderbaren Dialog mit einem Regisseur von der Filmhochschule über das Wesen der Inszenierung.

Hin und wieder erfährt man nebenbei ein paar Hintergründe. Dass Astrids Manns vor zwei Jahren gestorben ist etwa, und dass er wohl Theaterregisseur war. Wohin und warum ihr Sohn verschwunden war, bleibt aber ein Rätsel. Seine Mutter ist erleichtert, als er wieder auftaucht. Artikulieren kann sie das freilich nicht. Zumindest nicht mit Worten. Überhaupt herrscht in "Ich war zuhause, aber ..." die große Sprachlosigkeit. Dialoge laufen ins Leere, Monologe werden zu Worthülsen, der alte Fahrradverkäufer ist durch sein Kehlkopfmikrofon kaum zu verstehen.

Ganz ehrlich: So redet keiner. So bewegt sich keiner. So etwas macht keiner. Dennoch ist "Ich war zuhause, aber ..." wahrhaftig in seinen Emotionen, weil sie von Angela Schanelec künstlich überhöht werden – mit poetischen Bildern und mit Songs wie "Moon River" und einer Akustikversion von David Bowies "Let's Dance". Der Film ist eine Meditation, die Ruhe und Geduld erfordert. Die sollte man sich nehmen, weil man dadurch Zeit hat zum Nachdenken – über das Leben, wenn man mag, und viel mehr noch über das Kino als Kunstform. "Wenn ein Schauspieler spielt, ist das immer eine Lüge", sagt Astrid einmal.

Schanelecs Film lief im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale und wurde ob seiner Sperrigkeit und seiner formalen Strenge eifrig diskutiert. Man mochte ihn, auch ohne große Narrative, oder man regte sich darüber auf, wegen der fehlenden Narrative. Die Jury jedenfalls verlieh der Filmemacherin für ihren klugen und melancholischen Essay den Silbernen Bären für die beste Regie. Und das war das mindeste.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller
Seit 2013 ermittelt Devid Striesow am Saarbrücker "Tatort".
Devid Striesow
Lesermeinung
Maren Eggert
Lesermeinung
Schauspieler Franz Rogowski zu Gast bei Pegah Ferydoni im "Berlinale-Studio" am Tag der Eröffnung  der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin 2018.
Franz Rogowski
Lesermeinung
Weitere Darsteller

Neu im kino

"Dune" ist bereits die zweite Verfilmung des legendären Science-Fiction-Romans.
Dune
Science-Fiction • 2021
prisma-Redaktion
Mit Shang-Chi steht erstmals ein asiatischer Superheld im Zentrum eines Marvel-Abenteuers.
Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings
Action • 2021
prisma-Redaktion
In vier Episoden erzählt "Doch das Böse gibt es nicht" von der Todesstrafe im Iran.
Doch das Böse gibt es nicht
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Drama trifft Thriller trifft Groteske: "Promising Young Woman" mischt verschiedene Genres zu einem grandiosen Film.
Promising Young Woman
Thriller • 2020
prisma-Redaktion
Für die Fußball-Dokumentation "Nachspiel" begleiteten die Filmemacher Christoph Hübner und Gabriele Voss ihre Protagonisten mehr als 20 Jahre lang.
Nachspiel
Dokumentarfilm • 2019
prisma-Redaktion
"Kaiserschmarrndrama" ist die siebte Verfilmung eines Rita-Falk-Krimis rund um den Niederkaltenkirchener Ermittler Eberhofer.
Kaiserschmarrndrama
Komödie • 2020
prisma-Redaktion
Vom flanierenden Werbetexter zum Verliebten und in den Abgrund: Tom Schilling spielt Erich Kästners Romanfigur Fabian aus dem Jahre 1931. Der ungewöhnliche Historienfilm lief im Wettbewerb der Berlinale und wurde von der Kritik gefeiert.
Fabian oder der Gang vor die Hunde
Drama • 2021
prisma-Redaktion
Auf ein Neues! Die Antiheldentruppe Suicide Squad bekommt nach dem verunglückten ersten Leinwandauftritt von 2016 eine Frischzellenkur verpasst.
The Suicide Squad
Action • 2021
prisma-Redaktion
"Jungle Cruise" ist ein Film für viele Geschmäcker: Neben Action und Spannung bietet der Streifen von Jaume Collet-Serra auch jede Menge Witz und eine wohldosierte Portion Romantik.
Jungle Cruise
Komödie • 2021
prisma-Redaktion
Irgendwo steht immer ein Auto rum, das gefahren werden will: "Fast & Furious 9" macht einen Trip rund um die Welt und wagt sich sogar ins All.
Fast & Furious 9
Action • 2021
prisma-Redaktion
"Minari - Wo wir Wurzeln schlagen" wurde für sechs Oscars nominiert und gewann den Preis für die beste Nebendarstellerin.
Minari
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Wie ein ehrgeiziger Unternehmer auf der Suche nach größeren beruflichen Erfolgen den Zusammenhalt seiner Familie riskiert, beleuchtet Sean Durkins Drama "The Nest - Alles zu haben ist nie genug".
The Nest - Alles zu haben ist nie genug
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Erst im Kino, einen Tag später schon bei Disney+: "Black Widow" ist zurück.
Black Widow
Action • 2020
prisma-Redaktion
"Nomadland" gewann im Frühjahr drei Oscars - als bester Film, für die beste Regie sowie für die beste Hauptdarstellerin.
Nomadland
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Godzilla und King Kong haben sich im vierten Teil der MonsterVerse-Reihe keine Nettigkeiten zu sagen.
Godzilla vs. Kong
Action • 2021
prisma-Redaktion
"Stowaway - Blinder Passagier" erzählt von einer möglicherweise bahnbrechenden Marsmission, auf der es kurz nach dem Start zu einem dramatischen Zwischenfall kommt.
Stowaway - Blinder Passagier
Science-Fiction • 2021
prisma-Redaktion
"Cats & Dogs 3 - Pfoten vereint!" setzt die Reihe, die vor 20 Jahren ihren Anfang nahm, fort.
Cats & Dogs 3 - Pfoten vereint!
Komödie • 2020
prisma-Redaktion
Trotz hochkarätiger Besetzung erreicht "A Quiet Place 2" nie die Intensität des viel gelobten Vorgängers von 2018.
A Quiet Place 2
Thriller • 2019
prisma-Redaktion
"Wonder Woman 1984" war zunächst nur bei Sky zu sehen und kommt nun auch in die Kinos.
Wonder Woman 1984
Action • 2020
prisma-Redaktion
In "Mortal Kombat" geht es äußerst brutal zur Sache.
Mortal Kombat
Action • 2021
prisma-Redaktion
In der Neuverfilmung von "Hexen hexen" verbreitet Anne Hathaway als Oberhexe Angst und Schrecken.
Hexen hexen
Komödie • 2020
prisma-Redaktion
"Und morgen die ganze Welt" erzählt von einer jungen Studentin, die sich der Antifa anschließt.
Und morgen die ganze Welt
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Nina Hoss kümmert sich als "Schwesterlein" um ihren todkranken Filmbruder Lars Eidinger - kann aber weder den Krebs noch die Klischees besiegen.
Schwesterlein
Drama • 2020
prisma-Redaktion
Der Held der Kinderzimmer erobert die große Leinwand: "Yakari - Der Kinofilm".
Yakari - Der Kinofilm
Animationsfilm • 2020
prisma-Redaktion
Was einst im Wald rund um das Provinznest Stainbach geschah, raubt einer Mutter und ihrer Tochter noch Jahrzehnte später den Schlaf.
Schlaf
Drama • 2020
prisma-Redaktion
"Blumhouse's Der Hexenclub" ist die Fortsetzung von "Der Hexenclub" aus dem Jahr 1996.
Blumhouse's Der Hexenclub
Horror • 2020
"Greenland" ist ein spannender Katastrophenfilm, in dem nicht nur ein Komet, sondern auch die Menschen zur Gefahr werden.
Greenland
Thriller • 2020
prisma-Redaktion
"Kajillionaire" ist der dritte Spielfilm der US-Künstlerin Miranda July.
Kajillionaire
Drama • 2020
Moritz Bleibtreus Regiedebüt "Cortex" kommt ambitioniert daher. Der bewusst verwirrende, anspruchsvolle Psychothriller lässt die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit und das Leben zweier Männer verschmelzen.
Cortex
Thriller • 2020
prisma-Redaktion
"Ema" ist ein bildgewaltiger Film mit Tiefgang.
Ema
Drama • 2019
prisma-Redaktion

BELIEBTE STARS