Adolf Hitler (Taika Waititi, links) hilft dem Hitlerjungen Jojo (Roman Griffin Davis), Mut zu fassen.
Die großartige Komödie "Jojo Rabbit" ist für sechs Oscars nominiert, unter anderem als "bester Film".

Jojo Rabbit

KINOSTART: 23.01.2020 • Komödie • USA (2019) • 108 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Jojo Rabbit
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
USA
Laufzeit
108 Minuten
Regie

Filmkritik

Mein Freund Adolf
Von Felicitas Hübner

Adolf Hitler als imaginärer Freund? Warum nicht! "Jojo Rabbit" ist eine wunderbar skurrile Komödie über einen überzeugten Jungnazi und ein jüdisches Mädchen.

Darf in Deutschland über Hitler gelacht werden? Dürfen Deutsche lachen? Können Deutsche überhaupt lachen? "Don't mention the war", witzelte einst John Cleese in "Fawlty Towers", als deutsche Gäste in seinem chaotischen englischen Hotel herumsaßen und eigentlich nur Urlaub machen wollten. Ohne die Last der Schuld ist es viel einfacher, sich ausgiebig lustig zu machen.

Das tut nun auch Taika Waititi ("Thor: Tag der Entscheidung") mit großer Lust. Sein grandioser, für sechs Oscars nominierter Film "Jojo Rabbit" basiert auf dem Roman "Caging Skies" der neuseeländisch-belgischen Schriftstellerin Christine Leunens. Der ebenfalls aus Neuseeland stammende Waititi erzählt in seiner Verfilmung die Geschichte des zehnjährigen Jojo "Rabbit" Betzler (Roman Griffin Davis). Jojo ist ein kleiner, süßer Hitlerjunge, der der Ideologie der Nazis hinterherrennt und sich dafür durch den Wald jagen lässt. Die Jungfaschisten üben im deutschen Wald Purzelbäume schlagen, Gasmasken tragen und Sachen in die Luft sprengen.

Mittendrin und immer dabei ist Hitler (gespielt von Taika Waititi). Hitler ist Jojos imaginärer Freund. Der "Führer" steht dem kleinen Jungen zur Seite, er gibt ihm Ratschläge und feuert ihn an. Jojo "Rabbit" ist nicht immer so mutig, wie er gern wäre. Er schafft es bei einer Mutprobe nicht, einen Hasen zu töten und wird vor versammelter Mannschaft zum Hasenfuß ernannt. Buddy Adolf hingegen ist ulkig, albern und in absurder Weise lustig. Aber trotzdem Hitler. Mit einer Hinterlassenschaft von Millionen Toten aus einem Weltkrieg. Als historische Figur muss man ihn sehr ernst nehmen. Als Figur im Film aber ist Dolferl ein Kasper, ein Hampelmann, eine Witzfigur. Der kleine Jojo ist sein überzeugter Anhänger, auch wenn er sich nicht einmal die Schnürsenkel zubinden kann.

Scarlett Johansson spielt die Mutter von Jojo. Frau Betzler ist unerschrocken, mutig und politisch sehr aktiv im Kampf gegen die Faschisten. Sie ist Kommunistin. Angenehm bizarr ist es, wie sie als Linke ihren kleinen Nazi-Sohn liebt, für ihn sorgt und sich dabei nie zurücknimmt. Jojo entdeckt eines Tages, dass seine toughe Mutter ein Mädchen (Thomasin McKenzie) im Haus versteckt hält. Das Mädchen heißt Elsa und ist Jüdin. Jojo lässt sich von ihr die Zeit und die Welt erklären, er sitzt staunend und neugierig vor ihr und trägt dabei seine HJ-Uniform.

Scarlett Johansson gibt die kommunistische Domina überzeugend, lasziv und grandios selbstbewusst. Sie marschiert mit albern bayrisch-deutschem Hütchen ins ortsansässige Nazi-Hauptquartier und trümmert den natürlich auch sehr gut aussehenden Obersturmbannführer zusammen, weil dieser ihren Sohn nicht artgerecht behandelt habe. Eine Szene beim Abendessen mit Jojo, seiner Mutter und dem nur für Jojo sichtbaren Hitler ist großartig gaga.

Als Jojo endlich gelernt hat, seine Schnürsenkel zuzubinden, ist das eine der bittersten Szenen des Films. Auch hier rangiert Taika Waititi zwischen Jojos Kindsein, der faschistischen Verblendung des Jungen und dem Wunsch, einfach nur Mensch zu sein. Jojo steckt im Zeitgeist und ist nicht verloren für die hoffentlich danach kommende Zeit. Am Ende von Roberto Benignis "Das Leben ist schön" (1997) gab es den versprochenen Panzer. Am Ende von "Jojo Rabbit" treten die Überlebenden der Geschichte in die Mai-Luft des Jahres 1945 und atmen tief durch.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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