In den ersten Minuten könnte man fast glauben, man sei in den falschen Film geraten. In eine dieser Natur-Dokumentationen vielleicht, die auch mit solch atemberaubenden Bildern arbeiten, mit Luftaufnahmen unserer Erde. Wie im Vogelflug gleiten wir über dürre Landschaften und Flüsse hinweg, über Büsche, Berge und Täler, und über Spuren unserer Zivilisation: Häuser, Straßen und Eisenbahngleise. Wunderschöne Momente. Doch das hier, das ist kein Film über unsere Erde. Das, was wir hier sehen, ist die Heimat von Saroo (Sunny Pawar).

Dessen Leben ist zwar durchaus fröhlich, aber wunderschön kann man es kaum nennen. Mit seiner Mutter, seiner kleineren Schwester und dem älterem Bruder Guddu lebt er in einer indischen Kleinstadt in bitterer Armut. Die Mutter schuftet im Steinbruch, der Bruder verdient als Tagelöhner ein wenig dazu, es reicht gerade zum Nötigsten. Immer wieder müssen Saroo und er Kohle von einem der vorbeifahrenden Güterzüge klauen, um sie gegen Milch einzutauschen. Und trotzdem geht von den beiden Jungs und ihrer Familie so etwas wie Unbeschwertheit aus.

Damit ist es schlagartig vorbei, als Saroo seinen Bruder überredet, ihn zu einem seiner nächtlichen Jobs mitzunehmen. Völlig übermüdet lässt er den Kleinen auf einem Bahnhof allein, um arbeiten zu gehen. Doch Saroo bleibt nicht auf der Bank auf diesem Bahnsteig liegen, er schläft lieber in einem abgestellten Waggon weiter. Der Waggon aber gehört zu einem Zug, und der fährt mitten in der Nacht los in Richtung Westen, nach Kalkutta, 1500 Kilometer entfernt von seiner Heimat.

Eine wahnwitzige Suche beginnt

Dem ein oder anderen mag diese Geschichte bekannt vorkommen. Und tatsächlich basiert "Lion", der Film, mit dem Regisseur Garth Davis die Geschichte von Saroo erzählt, auf einer wahren Begebenheit, die 2012 um die Welt ging. In dem Artikel "A Home at the End of Google Earth" erzählte Vanity-Fair-Reporter David Kushner von diesem kleinen Jungen, der plötzlich in einer ihm völllig fremden Welt aufwacht. In Kalkutta kennt er niemanden, viele Menschen, denen er begegnet, sprechen kein Hindi, er ist im Alter von fünf Jahren völlig auf sich allein gestellt.

Nach einigen Monaten auf der Straße aber hat Saroo etwas, das man rückblickend Glück nennen könnte: Er kommt in ein Waisenhaus und wird adoptiert, von dem australischen Ehepaar Sue (Nicole Kidman) und John Brierley (David Wenham). Er zieht nach Australien, wo er aufwächst und schnell noch einen weiteren Adoptivbruder aus Indien bekommt, und schon bald hat er seine Heimat vergessen. So gut wie.

Denn der erwachsene Saroo (Dev Patel) beginnt sich irgendwann zu fragen, wo seine Wurzeln liegen. Und ab diesem Moment bekommt auch der Titel des Vanity-Fair-Artikels seinen Sinn: "A Home at the End of Google Earth". Denn Saroo begibt sich auf die Suche nach seinem Zuhause, mit Hilfe von Google Earth will er den Ort finden, an dem er vor mehr als 20 Jahren verloren gegangen ist. Seine einzige Erinnerung: ein Bahnhof und ein Wasserturm. In einem Land wie Indien mit seinen 3,2 Millionen Quadratkilometern ein wahnwitziges Unterfangen. Doch drei Jahre lang lässt ihn diese Idee nicht los, immer mehr steigert er sich in seine Suche hinein, setzt seine Beziehung zu Freundin Lucy (Rooney Mara) aufs Spiel und tut alles, um seine eigentliche Familie wiederzufinden: Er recherchiert, wie schnell Züge in Indien in den 80er-Jahren unterwegs waren. Er grenzt die Region ein, in der seine Heimat liegen muss. Und er entdeckt Stück für Stück seine Wurzeln, in Australien, nachts, am Bildschirm.

Großes Gefühlskino

Dieser Suche widmet Garth Davis die zweite Hälfte dieses Films, und das ist das große Glück. Denn schaut man sich die Geschichte nur oberflächlich an, so hätte Lion leicht ein plumper Abenteuerfilm werden können. Doch statt eines Spannungsbogens baut Davis einen Emotionsbogen auf, der niemanden ungerührt lassen kann. Da wäre zunächst die in großartigen Bildern und zurückhaltenden Dialogen erzählte Kindheitsgeschichte von Saroo, eine Allerweltsgeschichte aus dem Indien der 80er-Jahre. Doch diese Geschichte, sie bekommt schon in dieser ersten Hälfte einen aktuellen Bezug. Denn wirklich verloren gehen im Zeitalter von Smartphones und des Internets scheint heute kaum mehr möglich. Im Indien der späten 80er-Jahre aber wird aus der Reise des Saroo wirklich eine Odyssee.

Dazu kommt, dass Nicole Kidman und David Wenham ihre Sache überraschend gut machen, selten nur gibt es Momente, in denen man den beiden ihr Spiel nicht abnimmt. Und auch Sunny Pawar als kleiner Saroo sowie Abhishek Bharate als sein Bruder Guddu liefern eine großartige Leistung ab. Selbst von Dev Patel kann man das durchaus sagen, doch ausgerechnet er, die Hauptfigur, wirkt manchmal ein wenig zu schön, zu glatt, zu sehr nach Bollywood.

Dabei will Lion gerade kein Bollywood-Kino sein, sondern großes, emotionales Hollywood-Drama. Und das gelingt diesem Film auch, mit allen Konsequenzen: einem zu Herzen gehenden Soundtrack, eben jenen groß angelegten, teils schon kitschig-schönen Bildern und einer Geschichte, wie sie sich Drehbuchautoren kaum ausdenken können. Und so entsteht: ganz großes Gefühlskino.

Eine Mischung, die zu Herzen geht

Das schafft Davis auch, in dem er die zweite Hälfte des Films deutlich komplexer gestaltet. Zwar bildet die Sinn- und Wurzelsuche von Saroo hier den Kern der Geschichte, doch daneben und darum herum gibt es etliche Konflikte innerhalb und außerhalb der neuen Familie. Dabei, doch diese Situationen sind zum Glück selten, kommt es immer wieder vor, dass Lion ein wenig zu pilcheresk anmutet, in den meisten Szenen aber wird dieser Film nun wirklich ein Drama.

Ganz sicher zwar bleibt von Lion kaum etwas über als all die Emotionen, die Regie, Musik und Darsteller in ihn hineinlegen. Aber manchmal ist das auch gar nicht nötig. Manchmal genügt für gute Unterhaltung genau diese Mischung, die zu Herzen geht und uns abtauchen lässt. Saroos Reise ist eine Reise zu sich selbst, und sie ist es wert, dass wir ihn auf ihr begleiten.