Erstmals tummeln sich Pikachu und Co. in einem Realfilm auf der Leinwand. "Pokémon Meisterdetektiv Pikachu" punktet vor allem mit tollen Spezialeffekten – und einer berührenden Botschaft.

"Pokémon" ist der japanische Ausdruck für "Taschenmonster" und steht zugleich für eines der bedeutendsten globalen Phänomene der Populärkultur. Als pelzige, schleimige, bestienhafte oder auch ganz knuddelige Fantasywesen toben die "Pokémons" seit den 1990er-Jahren in Computerspielen von Nintendo herum, die sich 200 Millionen Mal verkauft haben sollen. Inzwischen haben sie sich in mehr als 20 Anime-Filmen auch auf der Leinwand getummelt – meist im Tandem mit heranwachsenden Jungen, die Pokémons trainieren, fangen oder gegeneinander kämpfen lassen.

Während auch Erwachsene mit "Pokémon Go" auf dem Handy virtuelle Exemplare im urbanen Raum jagen und eine neue Generation von Zehnjährigen die "Pokémon"-Spielkarten entdeckt, steht einer der ältesten und der angeblich beliebteste Pokémon im Mittelpunkt des ersten Live-Action-Films des Franchise: Pikachu, dem Ryan Reynolds mittels Motion Capture die Mimik verlieh. Der Titel "Pokémon Meisterdetektiv Pikachu" knüpft an seine kürzliche Beförderung zum Ermittler mit Sherlock-Holmes-Mütze an. Dabei ist die kleine Krimihandlung bloß Aufhänger für eine Art Superheldenspektakel mit Coming-of-Age-Komponente, das sehr zusammengeklaubt ist, aber sensibel und überraschend melancholisch mit dem Thema Freundschaft umzugehen weiß.

In einer Welt, in der Menschen und Pokémons zusammenleben, erhält der junge Versicherungsangestellte Tim (Justice Smith, "Jurassic World: Das gefallene Königreich") die Nachricht vom Tod seines Vaters, des Detektivs Harry Goodman. In dessen Apartment in Ryme City kommt er mit zwei seltsamen Substanzen in Berührung: Die eine lässt Pokémons verrückt werden, die andere erlaubt es ihm, mit Pikachu zu sprechen – eine Fähigkeit, die andere Menschen nicht besitzen. Das gelbe, meerschweinchenartige, kleine Kerlchen mit den traurigen dunklen Augen, den roten Wangen und der elektrischen Ladung im Schwanz stellt sich als Harrys Pokémon-Partner vor. Er glaubt, dass der Detektiv einer großen Sache auf der Spur gewesen ist – und noch lebt.

Die angehende Fernsehjournalistin Lucy (Kathryn Newton) denkt in eine ähnliche Richtung und wittert eine heiße Story. Irgendwie darin verwickelt erscheint Howard Clifford (Bill Nighy), im Rollstuhl sitzender Forscher, Industrieller und mächtigster Mann von Ryme City. Doch das größte Kopfzerbrechen bereitet dem Trio Tim, Pikachu und Lucy der finstere, geheimnisvolle Pokémon Mewtwo. Der soll hinter Harrys Autounfall stecken und scheint ihre Ermittlungen unbedingt verhindern zu wollen. Und müsste er dafür Gebirge einstürzen lassen.

Der Wille zu Raffinesse und das Vergnügen an der Naivität liegen in "Pokémon Meisterdetektiv Pikachu" oft zu eng zusammen. Mit Ryme City soll eine ganze Welt entstehen, nämlich die einer friedlichen Koexistenz zwischen Menschen und Pokémons. Aber welche Bande können zwischen diesen Spezies eigentlich bestehen, wenn sie sich im Normalfall, anders als Pikachu und Tim, so gar nicht verständigen können? Zu vieles bleibt unerklärt und dunkel und das Konzept dieses merkwürdigen Universums leer.

Auch verpflichten die Konventionen des Superhelden-Genres zu einem Versteckspiel um Gut und Böse und zu einem furchtbaren und furchtbar komplexen Plan, der den anderen Teil des Films geradezu stört – den erheblich besseren Teil. Dieser besteht aus dem Jahrmarktzauber der Spezialeffekte, aus Tims unschuldigem Staunen über jede Wendung der Geschicke, aus der Freude über gemeinsame Heldentaten – und aus Pikachus unermüdlichem Werben um Tims Freundschaft. Irgendwann erwidert es der junge Mann, ohne dass ihre Beziehung so kommunikativ bleiben kann, wie sie begonnen hat. Das sind die im besten Sinne kindlichen Stärken des Films, versetzt mit einem Hauch Tragik.


Quelle: teleschau – der Mediendienst