In fantastischen Bildern erzählt "Porträt einer jungen Frau in Flammen" von einer schier unmöglichen Liebe im Frankreich des 18. Jahrhunderts.
"Porträt einer jungen Frau in Flammen" gewann in Cannes den Preis für das beste Drehbuch und die Queer Palm.

Porträt einer jungen Frau in Flammen

KINOSTART: 31.10.2019 • Drama • F (2019) • 121 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Portrait de la jeune fille en feu
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
F
Laufzeit
121 Minuten

Filmkritik

Kunstvolle, betörende Bilder
Von Sven Hauberg

"Porträt einer jungen Frau in Flammen" ist einer der schönsten Filme des Jahres. In fantastischen Bildern erzählt das in Cannes prämierte Drama von einer unmöglichen Liebe im Frankreich des 18. Jahrhunderts.

Es gibt eine Szene in "Porträt einer jungen Frau in Flammen", die auf wunderbare Weise zeigt, worum es in diesem Film geht. Da sitzen die drei jungen Frauen, von denen Célina Sciammas Meisterwerk handelt, an einem Tisch und diskutieren lebhaft über Orpheus und Eurydike. In Vergils berühmter Sage steigt Orpheus hinab in die Unterwelt, um von Hades die Herausgabe seiner toten Frau zu erbitten. Bewegt von Orpheus' Wehklagen, gewährt ihm der Herrscher über das Totenreich die Bitte, unter einer Bedingung allerdings: Auf dem Weg zurück in die Welt der Lebenden darf Orpheus nie zurückblicken auf Eurydike, die hinter ihm geht. Er tut es dennoch – und Eurydike stirbt erneut. Warum nur, fragen sich die drei jungen Frauen, richtet Orpheus den Blick zurück? Aus Angst? Aus Liebe? Oder gar mit Absicht? "Porträt einer jungen Frau in Flammen" ist ein Film, der viel von seiner Geschichte mit Blicken erzählt und in dem es Blicke sind, die zwei Frauen zusammenführen, die allein mit Worten nie zueinandergefunden hätten.

Regisseurin Sciamma ("Tomboy") hat für ihren Film drei wunderbare Hauptdarstellerinnen gefunden, in deren Gesichtern man sich verlieren kann. Dass ihr Film in Cannes nicht nur mit der Queer Palm, sondern auch für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, ist freilich gerechtfertigt, verwundert aber doch. Denn dieser Film der kleinen Gesten, der zarten Bewegungen und eben der vieles sagenden Blicke benötigt weder viele Worte noch eine komplexe Handlung, um zu funktionieren. Das, was hier auf der Leinwand geschieht, lässt sich kaum in schnöde Regieanweisungen verpacken.

Heimliche Studien

"Porträt einer jungen Frau in Flammen" spielt im Jahr 1770. Zu Beginn sieht man die junge Pariser Malerin Marianne (Noémie Marchant) in einem hölzernen Kahn bei rauer See auf eine karge Insel vor der Küste der Bretagne übersetzen. Marianne nimmt die Strapazen auf sich, um einen ungewöhnlichen Auftrag auszuführen: Sie soll die junge Adelige Héloïse (Adèle Haenel) porträtieren – gegen deren Willen. Das Gemälde soll einem Mann in Mailand Héloïse' Schönheit zeigen, auf dass er sie eheliche. So zumindest stellt sich das ihre Mutter (Valeria Golino) vor, die Marianne zu sich geholt hat. Der letzte Maler, der ihre Tochter zeichnen sollte, war gescheitert, erklärt sie. Das Bild, das er von der selbstbewussten Héloïse angefertigt hatte, steht unfertig in einem Eck – nur das Gesicht fehlt noch.

Auf Spaziergängen soll Malerin Marianne nun ihr Modell studieren, ohne ihren Auftrag zu verraten. Offiziell wurde sie als eine Art Aufpasserin auf die raue, karge Insel geschickt, die verhindern solle, dass sich die schwermütige Marianne die Klippen hinabstürzt, so wie einst ihre Schwester. Da sitzen die beiden jungen Frauen also hoch über dem Meer, und während Héloïse melancholisch auf die Wellen blickt, beobachtet Marianne ihre Bewegungen und Gesten, folgt mit ihrem Blick den Konturen von Héloïse' Gesicht. Ganz genau prägt sie sich alles ein, um es später in Öl festzuhalten.

Ohne Zukunft

Irgendwann kommt Héloïse ihrer heimlichen Malerin auf die Schliche, lässt sie zum Erstaunen ihrer Mutter dann aber doch gewähren und sitzt ihr fortan Modell. In einer der schönsten Szenen des Films beobachten sich die beiden Frauen gegenseitig und erklären einander die Eigenarten der jeweils anderen. Wie Héloïse ihre Hand bewegt, wenn sie verlegen ist, und wie Marianne den Mundwinkel ein kleines Stückchen nach oben zieht, wenn ihr unbehaglich zumute ist. Zwischen den beiden Frauen ist längst mehr entstanden, als Héloïse' Mutter geplant hatte. Sie lieben sich, und sie schlafen miteinander.

Célina Sciammas erzählt ihren in Cannes gefeierten Film in kunstvollen, betörenden Bildern. Mal düster wie ein Rembrandt, dann wieder in lichten Farben wie bei Caspar David Friedrich. Neben Noémie Marchant und Adèle Haenel steht ihr eine dritte, fantastische Darstellerin zur Verfügung: Luàna Bajrami, die Sophie spielt, die einzige Angestellte im Haushalt der offenbar verarmten Adeligen. Sophie ahnt nichts von der Liebschaft ihrer Herrin, hat ihre eigenen Probleme. Als sie von einem Jungen aus dem Dorf schwanger wird, versucht sie, das ungeborene Kind loszuwerden. Wie Marianne und Héloïse kämpft sie darum, selbst über ihren Körper zu bestimmen. Während sie sich mit martialischen, blutigen Methoden behilft, bleibt den beiden Liebenden nur das Hoffen auf eine gemeinsame Zukunft, die es so natürlich nicht geben kann im Frankreich des 18. Jahrhunderts.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

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