Jim Jarmusch

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Wunderkind aus Ohio: Regisseur Jim Jarmusch
Fotoquelle: cinemafestival/shutterstock.com
Jim Jarmusch
Geboren: 22.01.1954 in Akron, Ohio, USA

Ein schäbiges Zimmer mit Blick auf den düsteren Hinterhof, ein Junge von 17, der mit seiner müden Resignation eher wie ein alter Mann wirkt: Allie ist ohne Wohnsitz und ohne Arbeit. Er ist ständig in Bewegung, unterwegs durch den Großstadtdschungel New York. Er trifft auf ein paar Menschen, redet mit ihnen, doch wirkliche Begegnungen, Gespräche kommen nicht zustande. Er will mit dem Erlös eines Autodiebstahls nach Paris, doch am Hafen trifft er auf einen, der gerade von dorther kommt - enttäuscht, resigniert.

"Permanent Vacation" (1982) hat Jim Jarmusch, das Wunderkind aus Ohio, für 12 000 Dollar gedreht. Jim Jarmusch, der an der Columbia Universität Sprachen studiert hat, entdeckt kurz vor seinem Abschlussexamen auf einem Europatrip die Cinémathèque Française mit ihrem reichen Fundus. Er beschließt, ein Jahr lang in Paris zu bleiben. Danach kehrt er nach New York zurück, schließt sein Studium ab, nimmt das Filmfach hinzu und wird Assistent von Nicholas Ray, der an der New York University lehrt.

Mit Ray's Hilfe erhält Jarmush den Job eines Produktionsassistenten bei Wim Wenders' "Lightning Over Water" (1980). Zwei Jahre später liefert er die Musik zu dessen Milieustudie "Der Stand der Dinge". Mit dem Geld kann er "Permanent Vacation" beenden und einen Kurzfilm drehen, aus dem schließlich "Stranger than Paradise" (1984) wird. Mit diesem Film wird Jarmusch bei Festivals herumgereicht - und bekannt. Die Coolness, die frische Komik und schließlich die Goldene Kamera in Cannes bringen Jarmush vorwärts.

"Stranger than Paradise" ist originelles, spontanes Kino. Eva ist sechzehn, kommt aus Ungarn und besucht in New York ihren Landsmann Willie, der aber von der alten Heimat nichts mehr wissen will. Eva, von der Begegnung mit dem unsteten Willie enttäuscht, fährt nach Cleveland/Ohio zur Oma, wo sie aber bald von Willie und seinem Freund Eddie besucht wird. Gemeinsam reisen die drei nach Florida auf der Suche nach einem Platz an der Sonne. Ein faszinierend schöner Film. "Down by Law" (1986) zeigt eine Wirklichkeit, aus Kinobildern konstruiert. Zwei Looser, ein Diskjockey und ein Zuhälter, werden von zwei falschen Freunden gelinkt und landen im Knast, lernen sich jetzt erst richtig kennen. Dann kommt noch ein italienischer Tourist dazu. Sie können sich nicht ausstehen, die Amerikaner zermürben sich, der Italiener blüht auf, allmählich steckt er mit seinem Optimismus die anderen an. Bald ist man guter Dinge: Man findet den Tunnel zur Freiheit. Jim Jarmuschs Film handelt eigentlich von der Allgegenwart des Kinos, der Kinowirklichkeit, des Kinoklischees.

In "Mystery Train" (1989) wird der Begriff des "Road Movie" zur Metapher, der Mystery Train beherbergt drei Schicksale in Memphis, der Heimstätte des Rock'n'Roll, die sich im Arcade-Hotel nicht treffen, sondern aneinander vorbeigehen. Wie Christian-Jacque in "Souvenirs perdus" ein Pfandhaus benutzt, um mehrere Geschichten zusammenzubringen oder dem Meister Max Ophüls in "Le plaisir" ein phantastisches Spiel zwischen Erfindung und Wirklichkeit genügt, die Geschichten zu verbinden, die nur von der gemeinsamen Stimmung aus Melancholie und Trauer zusammengehalten werden.

"Dead Man" erzählt von Johnny Depps bizarrer Reise durch den Wilden Westen. Das gefiel hierzulande vielen nicht, weil Jarmusch hier sehr wüst, aber durchaus originell mit dem Genre und seinen Helden - wunderbar die Szenen mit Robert Mitchum - umgeht. Ein wunderbares Projekt schließlich, das drei brillante Outsider zusammenbringt heißt "Tigrero - Ein Film, der nie gedreht wurde" (1994). Ein Hollywood-Abenteuer, für das Regisseur Samuel Fuller 1955 bereits Aussenaufnahmen im brasilianischen Regenwald gedreht hatte, kommt nicht zustande, da die Filmfirma die hohen Versicherungskosten für John Wayne, Ava Gardner und Tyrone Power nicht zahlen wollte. Im Atelier wollte Fuller nicht drehen, so blieb das Material liegen.

40 Jahre später reisen Mika Kaurismäki, der Bruder von Aki, Jim Jarmusch und Sam Fuller zu den Indianern in Brasilien und zeigen ihnen das Filmaterial. Die Einwohner erkennen die Landschaft, ihre Ahnen - das ist ein herrliches Erlebnis, ein seltenes Abenteuer, eine Fußnote zur Filmgeschichte. Und in "Ghost Dog (1999) orientierte sich Jarmusch an dem Melville-Klassiker "Der eiskalte Engel". Forest Whitaker spielt einen Auftragsmörder, den die örtliche Mafiasippe nach einem verpatzten Auftrag töten will. Womit sie nicht gerechnet hat: Der Großstadt-Krieger begibt sich nun selbst auf den Rachefeldzug... Jarmusch gelang ein poetischer Film über Verbrechen und Einsamkeit, den er mit wunderbar skurrilen Momenten versehen hat. Ein echter Jarmusch eben. Doch seine besondere Note erhält das Werk durch die Zitate aus dem "Hagakure", die wie eine filmische Meditation wirken.

Weitere Filme von Jim Jarmusch: "The New World" (Kurzfilm, 1982), "Coffee and Cigarettes" (Kurzfilm, 1986), "Coffee and Cigarettes II" (Kurzfilm, 1989), "Night on Earth" (1991), "Coffee and Cigarettes III" (Kurzfilm, 1993), "Year of the Horse" (1997), "Ten Minutes Older - The Trumpet" (2002) und "Coffee and Cigarettes" (2003), "Broken Flowers" (2005), "The Limits of Control" (2009).

Außerdem tauchte Jarmusch auch in dem ein oder anderen Film seiner Kollegen vor der Kamera auf. So in "Fräulein Berlin" (1983), "American Autobahn" (1984), "Straight to Hell - Fahr zur Hölle", "Helsinki Napoli All Night Long", "Running Out of Luck", "Candy Mountain" (alle 1987), "Leningrad Cowboys Go America" (1989), "The Golden Boat" (1990), "Fishing with John" (TV-Serie, 1991), "In the Soup - Alles Kino" (1992), "Iron Horsemen", "Blue in the Face - Alles blauer Dunst" (beide 1994), "The Typewriter, the Rifle & the Movie Camera", "Sling Blade", "Cannes Man" (alle 1996), "R.I.P., Rest in Pieces" (1997), "Divine Trash", "L.A. Without A Map" (1998), "Quién es Alejandro Chomski?" (2002), "Joe Strummer: The Future Is Unwritten" (2007), "Blank City" (2009).


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