Einmal pro Woche nehmen die Heimbewohner an einem Kurs für Kreatives Schreiben teil. Unter anderem arbeiten sie an einem alternativen Ende für "Casablanca".
Uli Gaulke und Agnes-Lisa Wegner besuchten für "Sunset over Hollywood" ein Altersheim für ehemalige Filmschaffende. Herausgekommen ist eine rührende Hommage an dessen Bewohner und an das nie endende Erzählen von Geschichten.

Sunset over Hollywood

KINOSTART: 23.05.2019 • Dokumentarfilm • D (2018) • 101 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Sunset Over Mulholland Drive
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
D
Laufzeit
101 Minuten

Filmkritik

Das Altersheim der Träume
Von Max Trompeter

Hier werden große Geschichten erzählt: Im Dokumentarfilm "Sunset over Hollywood" geht es um ein Altersheim, in dem Filmschaffende aus der zweiten und dritten Reihe ihre letzten Jahre verbringen.

Aus der Distanz stellt man sich eine Hollywoodkarriere gerne als etwas vor, dass bei wenigen Glücklichen einfach so aus dem Ärmel plumpst, wenn diese nur genügend daran schütteln. Doch Glanz und Glamour weben einen Schleier: Ohne Ehrgeiz, Eifer und Durchsetzungsvermögen geht nichts in der kalifornischen Filmhochburg. Weder heute noch zu Zeiten von "Casablanca" und "Vom Winde verweht". Die hervorragende Dokumentation "Sunset Over Hollywood" der deutschen Filmemacher Uli Gaulke und Agnes Lisa Wegner zeigt dies anhand einer Gruppe knuffiger Rentner in einem Altersheim unweit der großen Studios.

Die Bewohner des "Motion Picture and Television Country House" im Norden Hollywoods sind allesamt Filmschaffende, deren Großtaten eher in ihren Erinnerungen verewigt sind als in ihren Kontoständen. Doch gesponsert von Größen wie Michael Douglas und George Clooney dürfen sie weiter die Luft schnuppern, die die nahen Traumfabriken aus ihren Schornsteinen stoßen. In hübschen, modernen Bungalows wohnen sie, zwischen von mexikanischen Gärtnern gepflegten Pinien draußen und unzähligen Porträts viel größerer Stars drinnen.

Altersheim-Tristesse, Krankheit und Tod sind hier nicht die Themen. Zwar zeigt sich die Dokumentation nicht in den knalligen Farben, die von Hollywood aus auf die Leinwände der Welt projiziert werden. Die leichte Blässe der Bilder will aber keineswegs etwas Deprimierendes vermitteln. Davor schützen auch die zumindest im Kopf noch quirligen Bewohner, deren vereinender Traum von Hollywood nie ausgeträumt ist.

Hier wohnen Geschichtenerzähler, die nur zu gerne berichten, was im Hollywood von damals vor sich ging. Und Geschichten haben sie alle drauf, egal ob Regisseur, Agent oder Cutter. Falsche Bescheidenheit wäre fehl am Platz vor dieser Kamera. Niemand will und soll seinen Stolz auf Geschafftes verbergen. So erzählt Daniel Selznick, Jahrgang 1936, davon, wie er als ausführender Produzent einst "American Graffiti" auf den Weg brachte und damit Regisseur und Autor George Lucas ("Star Wars") einen famosen Start ins Filmgeschäft ermöglichte.

Drehbuchschreiber Anthony Lawrence, Jahrgang 1928, erinnert sich an seine Begegnungen mit Elvis Presley und wie diese sein Drehbuch zum Biopic "Elvis" (1979, mit Kurt Russell) beeinflussten. Berührend wird es an teils effektvoll in Szene gesetzten Stellen, an denen es gar keine Erklärungen braucht: wenn zum Beispiel Wright King, Jahrgang 1923, 2018 verstorben, mit feuchten Augen und einem herzerwärmendem Schmunzeln auf seinen Lippen auf seine Szene mit der großen Vivien Leigh in "Endstation Sehnsucht" (1951) reagiert – inklusive Kuss auf den Mund.

"Sunset Over Hollywood" zeigt stets achtungsvoll alte wie neue Liebe in diesem so anderen Altersheim und dass solche Zusammenkommen von Gleichgesinnten stets etwas Therapeutisches haben können. Wenn über 90-Jährige auf ihre Kindheit zurückblicken oder von Reue sprechen, wenn es um ihre eigenen Qualitäten als Eltern geht. Denn die Hollywood-Rentner waren alle Arbeitstiere.

Und sind es noch immer. Die 2018 verstorbene Connie Sawyer, Jahrgang 1912, ging im stolzen Alter von 105 noch zu Vorsprechen. Ein Kurzfilm entsteht im Heimstudio, gefühlt alle arbeiten an ihren Memoiren, und gemeinsam besuchen manche dieser B- und C-Listen-Stars wöchentlich einen Workshop für Kreatives Schreiben. Neben dieser Strebsamkeit kommt dabei auch viel Humor zum Vorschein. Den, so scheint es, verlieren die liebenswerten Protagonisten nie, genauso wenig wie ihren andauernden Traum von Hollywood.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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