Für die aufrechte Internet-Community ist der Fall klar. Dieser erfolgreiche Jugend-Schwimmtrainer (Markus Hoffmann) ist ein Kinderschänder! Also verabredet man sich in jenen Foren, die geheimen Gerichten gleichen, um es dem vermeintlichen Übeltäter so richtig zu zeigen. Wie weit man dabei gehen kann? Gar nicht weit genug. Die Community hat ihr Urteil gefällt. Sie irrt nicht. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit wird das Internet zum Tatort. Ging es bei den Tatort - Allmächtig vor Weihnachten um einen Internet-Fernsehsender, der seine Nutzer mit abgeschmackten Teufeleien beglückte, so bekommt es der Saarbrücker Frohgemutler Jens Stellbrink (Devid Striesow) diesmal mit Flashmobs zu tun – mit plötzlichen Zusammenrottungen vermummter Gestalten, die im Namen des Guten ihre Aggressionen ausleben. Nie ist der Mensch gefährdeter (und gefährlicher), als wenn er von der Richtigkeit einer Sache hundertpro überzeugt ist.

In seinen bisherigen zwei Tatorten gab Devid Striesow den arglos tapferen Parzival, der Tatort - Melinda höflich aber bestimmt die Stirn bot und sich auch von einem Tatort - Eine Handvoll Paradies nicht schrecken ließ. Letzteres war schon von der Motorisierung her ein David-gegen-Goliath-Duell, denn während die Rocker ihre Pferdestärken tanzen ließen, kommt Striesow üblich auf einem roten Motorroller dahergeknattert. Diesmal geht es ernster zu. Flashmob, Kindesmissbrauch, eine junge Frau, die den Boden unter den Füßen verliert (Inga Lessmann), und gleich zwei trauernde Schwimmtrainer-Witwen (stark: Barbara Ullmann als Ex-Frau), das alles verlangt auch Striesow eine neue Gangart ab. Natürlich deichselt er das mit Bravour und bringt das Kunststück fertig, das Kind in seinem Gesicht, das zwei Folgen den Tatort zum Märchen machte, nicht verlöschen zu lassen. Wunderbar die Szene, als er Finn, einem Kind mit Down-Syndrom, die einzig relevante Zeugenaussage entlockt. Detlef Hartlap

Foto: © SR/Manuela Meyer