Sonntagnachmittag in Luzern. Am Solidaritätslauf für ein Kinderhilfswerk nehmen auch Dr. Lanther, der ärztliche Leiter der Pilatusklinik, und sein Stellvertreter Marco Salimbeni teil. Mitten im Lauf wird Lanther ermordet. Ein Skalpell steckt in seinem Hals. Urinproben aus dem Waldboden beweisen, dass Salimbeni und Lanther den Lauf kurz unterbrochen und sich nur wenige Meter voneinander entfernt erleichtert haben. Kommissar Reto Flückiger und sein Team konzentrieren sich in ihren Ermittlungen auf das private Umfeld des prominenten Kinderchirurgen Lanther. Seine Ehefrau Imelda hatte mit Salimbeni ein Verhältnis, das Lanther offensichtlich entdeckt hatte und über das es zu einem Zerwürfnis der beiden Ärzte kam. Doch dann kratzt die Tragödie in der Familie einer Polizeiangehörigen am Bild des unfehlbaren Arztes. Plötzlich spielen Lanthers kleine Patienten und deren Eltern eine Rolle in diesem Mordfall ...

Ein Tatort aus Luzern. Das bringt, kaum dass die ersten ­Film­­minuten über See und Wald hingegangen sind, zwei Probleme mit sich. Erstens läuft so ein Krimi Gefahr, sich in der Landschaft und der Possierlichkeit einer der schönsten Schweizer Städte zu verlieren. Zweitens die Sprache. Reden hier eigentlich alle ­Dialekt oder nur undeutlich, was in gewisser Weise auf dasselbe hinausläuft. Das "Skalpell" im Titel des von dem gebürtigen Luzerner ­To­bias Ineichen inszenierten Films wirkt auf verschiedenen Ebenen. Es erweist sich als ein Teil der Tatwaffe und dient zugleich als Auslöser für die schlimmsten Verwerfungen im Leben von Menschen (und deren Angehörigen), die bei ihrer Geburt nicht mit einem eindeutigen Geschlecht gesegnet waren. ­Trans­sexualität als Schicksal und Sackgasse. Ein bekannter Chirurg und Klinikinhaber regelt das auf ­alt­hergebrachte Weise – mit dem Skalpell. Schon in früher Kindheit der ­Betroffenen setzt er es an. Ob sie das zwangsoperierte ­Geschlecht akzeptieren können oder nicht, interessiert den ­Mediziner nur insofern, als sie seine zahlenden Patienten bleiben. Der Tatort am idyllischen Vierwaldstätter See begibt sich auf schweres Gewässer (Drehbuch Urs Bühler). Regisseur Ineichen lässt die Schönheit der Umgebung folgerichtig als quasi unerreichbares Bergmassiv in weiter Ferne aufscheinen, während im Vordergrund die Sterilität des Schweizer Mietwohnungsbaus dominiert. Martialisch gefilmte Gefängnisgitter und -mauern unterstreichen das Gefühl von Eingesperrtsein in Lebensrollen jenseits von weiblich oder männlich. Das ist schlüssig und oft bewegend inszeniert. Delia Mayer ist brillant als Kripobeamtin, die, frisch von einem Gastaufenthalt in den USA zurückgekehrt, eine Spur C.S.I.-Gewissenhaftigkeit in die von ihrem Kollegen Stefan Gubser eher gefühlig betriebene Polizeiarbeit bringt. Bleibt die Sprache. Es handelt sich um Schwyzerdütsch, das 1:1 ins Hochdeutsche übertragen wurde. Das Entgegenkommen an norddeutsche Hörgewohnheiten ist groß, und doch werden etliche Zuschauer ob des schweizerischen Tonfalls ihre Schwierigkeiten haben. Egal, das Zuschauen lohnt. dh

Foto: SWR/SRF/Daniel Winkler