Was sind schon Zahnschmerzen, wenn man von seinem Vorgesetzten Brandner unvermutet eine junge Kollegin zur Seite gestellt bekommt - zu Ausbildungszwecken. Die Münchner Hauptkommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic geben sich höflich und durchaus nicht uninteressiert. Die junge Kollegin gewinnt zunehmend Pluspunkte. Auf der Fahrt zu einem Lehrgang geraten die drei in eine unüberschaubare Situation. Die Leitstelle München-Ost meldet auf einem verlassenen Gutshof einen in Brand geratenen PKW, der vor ihren Augen explodiert ...

Zwei Forderungen an den Tatort. Die erste: Der Krimi ist nicht nur zum Rätselraten da. Das Whodunit, also die Frage wer's gewesen ist, ergibt ein munteres Räselraten, aber noch lange keinen guten Krimi. Morde passieren aus innerer Notwendigkeit und tragischem Zufall. Sie bergen Lebensstoff, das heißt hinreichend Drama für einen Film, der über die nächste Tagesschau hinaus im Gedächtnis bleibt. Zweite Forderung: Die Geschichte muss dahin steuern, wo es weh tut. Wenn den Zuschauer der Impuls anfliegt wegzuschauen, aber doch gebannt auf den Bildschirm starrt, haben Drehbuchautor und Regisseur ihr Soll erfüllt. Der neue Münchner Tatort geht in einem fort dorthin, wo es wehtut. Insofern ist er ein guter Tatort. Am Anfang hält Meister Zufall die Akteure am Zügel. Nemec und Wachtveitl wird eine Auszubildende zugeteilt, die mit dem ­Eifer der Anfängerin dafür sorgt, dass sich die in Routine und ewig wechselnden Konzepten ergrauten Hauptkommissare eines brennenden Autos annehmen, was sie normal unter ihrer Würde empfinden. Sie geraten in eine verlassene Scheune und in eine Abfolge von Ereignissen, die so sehr von Angst und gegenseitigem Missverstehen geprägt sind, dass man am liebsten den Stecker ziehen würde. Die Situation eskaliert zum Äußers­ten. Wachtveitl verpasst einem vermeintlichen Täter drei Schüsse in den Leib. Notwehr. Mit Todesfolge. Was folgt, ist ein Wachtveitl-Drama von einer Intensität, die man auf diesem Sendeplatz selten zu sehen bekommt. Darüber aber spannt sich, und das lässt den Film (Regie Thomas Stiller, Drehbuch Magnus Vattrodt und Christian Oetzmann) beinahe zu einem Glanzstück werden, eine Familientragödie, die unangestrengt und beeindruckend von der Deklassierung eines traditionellen Kleinhandelsgeschäftes durch Bau- und Supermärkte am Rande der Stadt erzählt. Hier und nicht in der Suche nach dem Täter sitzt der Keim der Spannung. Am Ende gibt es nur Verlierer. Ein beschädigter Wachtveitl, eine zerstörte Kaufmannsfamilie, ein zerpflückter interner Ermittler – und ein enttäuschter Zuschauer, der erfährt, dass die sympathische Auszubildende (Sylta Fee Wegmann, "Little Paris") bei der nächsten Folge nicht mehr dabei ist. Detlef Hartlap

Foto: BR/Kerstin Stelter