Regie-Altmeister Robert Zemeckis ("Forrest Gump") erzählt gerne von Außenseitern. In "Willkommen in Marwen" nimmt er sich nun eines Mannes an, der sein Trauma mithilfe von Puppen verarbeitet.

Mark Hogancamp (Steve Carell), Hauptfigur von Robert Zemeckis' Drama "Willkommen in Marwen", muss Tabletten nehmen. Viele Tabletten. Tabletten, die ihm helfen, seine Angstzustände in den Griff zu bekommen. Denn der ehemalige Maler wurde von einer Gruppe Teenager ins Koma geprügelt und musste anschließend alles von vorne lernen. Die Erinnerungen an sein altes Leben – weg. Genauso wie seine motorischen Fähigkeiten.

Als Therapie schafft sich Mark seine ganz eigene Welt: Mithilfe von Puppen baut er sich im Garten eine künstliche Stadt auf – Marwen ist geboren und mir ihr Marks Alter Ego Captain Hogie und dessen hartgesottene Mitstreiterinnen im Kampf gegen die Nazipuppen. Gerade als Mark sich zunehmend in dieser Welt zu verlieren droht, zieht ihm gegenüber eine neue Nachbarin ein. Nicol (Leslie Mann) sorgt mit ihrer charmanten Art dafür, dass er langsam seinen Schutzschild herunterfährt und sich wieder der realen Welt öffnet. Doch seine Panikattacken bleiben, und Mark flüchtet sich immer wieder nach Marwen.

Regisseur Robert Zemeckis ("Zurück in die Zukunft", "Forrest Gump") ist auch mit 66 Jahren noch einer, der für seine Filme immer das Besondere sucht – sei es ein außergewöhnlicher Hauptcharakter mit Underdog-Qualitäten oder seien es Bilder, die den Zuschauer in Staunen versetzen. Man merkt einem Zemeckis-Film an, wie viel Leidenschaft in ihm steckt. Das ist bei "Willkommen in Marwen" nicht anders. Zemeckis war fasziniert und berührt von der Geschichte des Mark Hogancamp, eines amerikanischen Künstlers, der ihm Jahr 2000 tatsächlich nach einem Barbesuch angegriffen wurde und anschließend in New York die Kunstwelt Marwen schuf.

Für Zemeckis erzählt "Willkommen in Marwen", wie er im Interview mit der Agentur teleschau erzählt, auch "eine sehr amerikanische Geschichte": "Es geht um einen Mann, der von der Allgemeinheit etwas abgeschnitten lebt und dann versucht, mithilfe der Kunst wieder in der 'normalen' Welt zurechtzukommen. Der sich also wieder von unten nach oben arbeiten muss." Steve Carell spielt diesen amerikanischen Helden beeindruckend: mal ganz sensibel, wenn er als Mark Hogancamp an seiner Fantasiewelt arbeitet, mal sehr humorvoll, wenn er in die Rolle von Marks Alter Ego schlüpft, der Puppe Captain Hogie.

Besonders beeindruckend in der filmischen Umsetzung dieser wahren Geschichte sind die visuellen Effekte: Es ist erstaunlich, wie realistisch die Puppen von Marwen aussehen, wie sie sich fortbewegen und miteinander agieren. Die Mischung aus Performance-Capturing und der genauen Erfassung von Mimik und Gestik lassen dem Zuschauer oft den Atem stocken. Gerade, weil die Puppen ihre Vorbilder in real existierenden Personen der Geschichte finden, wirkt der Effekt besonders stark.

Zemeckis scheut sich nicht davor, Mark als etwas seltsamen, aber sehr liebenswerten Charakter zu zeigen, der völlig aus der Realität gefallen zu sein scheint. Das reicht von schrulligen Szenen, in denen Mark mit seinem Spielzeugauto und auf hohen Hacken durch den kleinen Ort läuft, bis hin zu Momenten, in denen man vor Fremdscham eigentlich nicht mehr auf die Leinwand gucken möchte. Zemeckis schafft es, die Geschichte mit Witz und Mitgefühl zu erzählen, ohne dabei in pures Mitleid für seinen Protagonisten abzurutschen.

Zum Ende hin wird "Willkommen in Marwen" zwar etwas wirr und leidet darunter, nicht auserzählt zu werden. Das tut dem Film in seiner Gesamtheit aber nur wenig Abbruch. Nicht zuletzt durch die Mischung von grandios aussehenden Fantastikelementen und einer berührenden Geschichte ist "Willkommen in Marwen" ein gelungener Film, der noch lange nachklingt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst