Vor 100 Jahren starb der bedeutende französische Bildhauer Auguste Rodin. Außer seiner Affäre mit Camille Claudel hat das Kino fast nur lässlich Schlüpfriges über ihn zu erzählen.

Fragt das nackte englische Modell stammelnd den großen Künstler Auguste Rodin (Vincent Lindon), ob er auch bald zu ihr komme, sie wolle ihn tief in sich spüren. Eine dabeistehende Schülerin Rodins fängt an, sich zu entkleiden. Sehr gern wolle er das alles, sagt Rodin verlegen und gleichzeitig frech feixend, wenn sie ihn denn nicht zu alt fänden. Aber nein, versichern die jungen Damen eifrig und schieben sich mit ihm, ihn heftig küssend, in einen Nebenraum. Wenn dann hinter dem Trio die Tür mit der Milchglasscheibe zufällt, ist die filmische Biografie "Auguste Rodin" endgültig auf dem Niveau eines verlogen diskreten Altherren-Erotikstreifchens angekommen. Das ist kaum zu fassen, hat doch Regisseur Jacques Doillon eine ganze Weile mit asketisch bis quälend langen, statischen Einstellungen sowie stillem Pathos zumindest den Anschein von Klasse verbreitet.

Dabei bietet "Auguste Rodin" in der Anfangsphase ein einigermaßen reizvolles Gewebe aus sensibler Inszenierung und subtiler Anspielung über das Künstlerleben um 1900. Wenn man nur an die armen Frauen denke, die sich vor Verlangen nach dem Meister verzehren, lässt Rodins Mitarbeiterin und spätere Rivalin Camille Claudel (Izïa Higelin) einmal beiläufig fallen. Rodin sieht sie erstaunt an, senkt den Blick und berührt mit seiner Hand die Hand, die Camille gerade modelliert hat. Später, als sie ein Paar sind, fragt er sie, was sie am liebsten sein wolle. Ein Droschkenpferd, antwortet sie lachend, weil die so schlecht behandelt werden. Worauf Rodin auf einem Spaziergang zu sehen ist, Baumrinden befühlend, während Rose (Séverine Caneele), Haushälterin und Mutter seines Sohnes, von einem Droschkenpferd erzählt, dem die Zunge herausgeschnitten worden ist.

Wenn Camille aus Rodins Leben verschwindet, zerfällt der Film

Soweit trägt der Film doch Dunkles, Geheimnisvolles, Tragisches in sich, das viel mit der Epoche zu tun hat, in der er spielt. Daran gemahnt neben der namenlosen Vollbusigen, die am Anfang ihren Rücken für Rodin durchdrückt und dabei gegen ihre Ausbeutung protestiert, vor allem das Schicksal der Geliebten Camille. Als Frau darf sie keine nackten Statuen zeigen, sie kann kaum ausstellen, sie verkauft fast nichts. Sie ist der Widerpart, an dem das Rodin-Porträt überhaupt Halt gewinnt. Mit ihr findet der Film erst seinen Erzählanfang im Jahre 1880, als sie der bis dahin öffentlich wenig geschätzte Rodin zur Mitwirkung am "Höllentor" für das Kunstgewerbemuseum von Paris auffordert. Die zeitliche Desorientierung danach ist noch erträglich, weil die intensive und explosive Beziehung zu Camille für Zusammenhalt sorgt.

Aber wenn Camille aus Rodins Leben verschwindet, zerfällt der Film. Seine Aufeinanderfolge separater Episoden mag der fragmentarischen Skulptur bei Rodin nachempfunden sein, regt im Gegensatz zu dieser aber nicht die Fantasie an. Verraten Vincent Lindons ruhig brennender Blick und seine rastlos arbeitenden Hände zwar den kontrollierten Furor des Kreativen, so bleibt das Ergebnis doch seltsam unbegriffen. Zusehends heftet sich der Blick an die nackte Haut miezenhaft paradierender und aufreizend posierender Modelle. Wie der Künstler deren lebendige Tableaus am Schluss aufsaugt und unmittelbar zu Papier bringt, demonstriert die Sackgasse von "Auguste Rodin": eine passive, unkritische Haltung zum eigenen Tun.

Quelle: teleschau – der Mediendienst