Billy Lynn (Joe Alwyn) ist gerade einmal 19 und hat schon mehr schlimme Dinge erlebt als manch einer in seinem ganzen Leben. Als Soldat war er im Irak stationiert, und mit seiner achtköpfigen "Bravo Squad", einer Elite-Einheit der US-Armee, kommt er im Kampf, beim "Gefecht am Al-Ansakar-Kanal", nur knapp mit dem Leben davon. Nicht so einer seiner Kameraden. Sergeant Shroom stirbt, quasi in Billys Armen, obwohl dieser ihn, halb schießend auf den Feind, halb seine Wunden verarztend, todesmutig verteidigt.

Dieses Gefecht, es wäre nur ein Randnotiz des Krieges im Irak (die Handlung spielt mutmaßlich 2004), wäre nicht ein Reporter-Team des US-Sendes Fox News dabei gewesen und hätte es aufgenommen. Diese vier Minuten verwackelter Aufnahmen aber machen Billy Lynn und seine überlebenden Kameraden zu nationalen Helden. Und so warten auf sie nach der Rückkehr in die USA nicht nur ihre Familien, sondern auch eine "Victory Tour" quer durchs Land, von Shopping-Centern über Skateboard-Parks bis hin zu einem Auftritt bei der Halbzeit-Show eines Football-Spiels.

Mit "Die irre Heldentour des Billy Lynn" hat Star-Regisseur Ang Lee (Tiger and Dragon, Brokeback Mountain, Life of Pie) einen Erfolgsroman verfilmt. Ben Fountains Buch von 2012 ist eine bitterböse Satire auf die US-Gesellschaft und ihren Patriotismus, auf ihre Leidenschaften für Krieg und die Medien, für Spektakel, Glaube und Pathos. Lee macht aus dieser Satire ein Drama der Extraklasse, mit überzeugenden, sorgsam ausgewählten Schauspielern, einem pompösen Szenenbild einem auf den ersten Blick unscheinbaren, aber dennoch packenden Plot.

Bodenlos amerikanisch

Denn während Billy und seine Kameraden da in Stretch-Limousen von Auftritt zu Auftritt fahren und ihr Agent versucht, den Stoff, aus dem in diesem Fall wirklich Helden geboren wurden, an Hollywood zu verkaufen, schneidet Lee immer wieder Erinnerungen an die Zeit im Irak dazwischen, die bei Billy allmählich wiederkommen, grausame, zu Herzen gehende Bilder, berührende Szenen und Dialoge, Momentaufnahmen des Krieges. Und er inszeniert all die Menschen, denen Billy begegnet, so herrlich oberflächlich, so künstlich, dass es einen graust: Football-Manager Norm Oglesby etwa, den Steve Martin dekadent-opportunistisch verkörpert, einen halbstarken Football-Fan, dem Billy und seine Kameraden mal ein wenig den Kopf waschen müssen oder die Security-Truppe des Stadions, mit denen die Bravo Squad am Ende sogar eine Schlägerei anfängt.

Und dann sind da noch die beiden wichtigsten Nebenfiguren: Billys Schwester Kathryn (Kristen Stewart), die verzeifelt versucht, ihren Bruder von der Rückkehr in den Irak abzuhalten und Cheerleaderin Faison, mit der Billy eine spontane, heftige Affäre beginnt und die von Makenzie Leigh so bodenlos amerikanisch gespielt wird wie Angela Hayes von Mena Suvari in "American Beauty" — und seitdem von niemandem mehr. Halb Lolita, halb Staatsbürgerin ist sie hin- und hergerissen zwischen der Zuneigung für den jungen, hübschen Helden und ihrer Sorge um die Nation. Und: dem Schock, als Billy auch ihr erzählt, dass er zurück will in den Krieg. Denn da gehört er hin, auch wenn ihn die Kämpfe kaputt machen, so wie seine Kameraden auch. Dienst ist Dienst. Pflicht ist Pflicht.

Selbst Vin Diesel als Shroom kann in Ang Lees Film überzeugen, ist diese Rolle doch perfekt auf ihn zugeschnitten. Der väterliche Vorgesetzte eines jungen Soldaten, Elite-Kämpfer und zumindest freizeitphilosophisch geschult, passt perfekt zu Diesel, der diesem Shroom fast etwas Weiches und Sentimentales verleiht.

120 Bilder pro Sekunde

Neben den anderen, erstklassigen Darstellern wie Chris Tucker, Garrett Hedlung oder Arturo Castro ist es vor allem der Spagat zwischen Drama und Hochglanz-Produktion, die Lees Kinofilm zu einem Erlebnis macht. Nicht nur, dass er inhaltlich die Verlogenheit der amerikanischen Gesellschaft, die Vermarktung des Krieges und den fragwürdigen Pathos mit all seinen Plattitüden thematisiert, er tut dies auch in seinen Bildern. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die unfassbar hohe Frequenz von 120 Bildern pro Sekunde, mit der Kameramann John Toll Billy Lynn gedreht hat und durch die dieser Streifen wirkt wie ein 110-minütiges Fashion- oder Musik-Video.

Dazu kommt eine Kameraführung, die den Zuschauer selbst immer wieder die Rolle von Billy einnehmen lässt, ja: ihn förmlich in diese Rolle zwingt. In Großaufnahmen stehen wir da den anderen Protagonisten gegenüber, der Cheerleaderin Faison etwa, und sehen in ihrem Blick nicht nur etwas von der Faszination für den Helden, sondern auch von der Banalität, der Oberflächlichkeit ihrer Gefühle. "Ihre Geschichte, sie gehört nicht mehr Ihnen", sagt Football-Manager Oglesby irgendwann zu dem jungen Soldaten. "Sie gehört jetzt Amerika." Und jetzt, jetzt gehört sie auch uns. Ob wir wollen oder nicht.

Zurück lässt einen dieser Film mit einer verwirrenden Mischung aus Abscheu und Melancholie, aus Kriegs-Ekel und Begeisterung. Und, was bei all den dramatischen Szenen fast schon ein Wunder ist, auch fast schon wieder mit einem sarkastischen Grinsen auf den Lippen. Großes Kino.