Cecil Beaton lebte eine Wunschvorstellung von sich selbst.
"Love, Cecil" porträtiert einen Fotografen, der gerne hinter, aber auch vor der Kamera stand.

Love, Cecil

KINOSTART: 12.07.2018 • Dokumentarfilm • USA (2017) • 99 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Love, Cecil
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
USA
Filmstudio
Fischio Films
Laufzeit
99 Minuten
Regie
Lisa Immordino Vreeland
Music
Phil France
Kamera
Shane Sigler

Filmkritik

Hunger nach Schönheit
von Diemuth Schmidt

Welch ein dankbares Sujet für eine Doku! Cecil Beaton (1904-1980) lebte für das Visuelle und stellte schon seit seiner Kindheit sein Leben in den Dienst der Ästhetik. Dabei entstand faszinierend schönes Material, das die Regisseurin Lisa Vreeland in ihrem Film bestens zu nutzen weiß. Eins sei dabei versichert: Sich auf Cecil Beatons Geschichte einzulassen, lohnt sich, denn der Fotograf, Kostümdesigner, Architekt, Maler und Schriftsteller war nicht nur ein brillanter Chronist, sondern auch ein Visionär und Vorbild seiner Zeit. Über ihn zu erzählen, heißt auch, die Geschichte des 20. Jahrhunderts von den 20er- bis zu den 70er-Jahren Revue passieren zu lassen.

"Ich bin zwar kein Naturtalent, aber ich war von Anfang an geradezu zerfressen von Ehrgeiz", sagte Cecil Beaton 1978 über sich selbst in einem seiner letzten Interviews mit dem amerikanischen Schriftsteller Dirk Wittenborn. Der chronologisch aufgebaute Film schildert, wie sich Cecil Beaton vom Kind aus wohlhabendem Hause mit einer Ahnung, dass er anders leben wollte als die Menschen um ihn herum, zu einem gefeierten Allround-Künstler entwickelte.

Wie das funktionieren sollte, das fand er Schritt für Schritt heraus. Er selbst hielt sich für ungebildet und las angeblich kaum Bücher, bevor er 18 Jahre alt wurde. In der Schule lernte er viel, aber nicht das, was er lernen sollte. Das ging an der Uni von Cambridge so weiter: Statt Vorlesungen zu besuchen, gründete er einen Theaterklub. Dort setzte er vor allem sich selbst in verschiedensten Kostümen in Szene, manchmal in Frauenkleidern, auf Bildern als Werbung für Aufführungen, deren Bühnenbilder er gestaltete – frühe PR.

Schon damals und als späterer Dandy lebte er eine Wunschvorstellung von sich. "Cecil hat sich als Persönlichkeit komplett selbst erschaffen", sagte Truman Capote über Beaton. Die Fähigkeit, eine schöne Vision von einem Menschen zu entwickeln, die über die eigentliche Person hinausgeht, zeichnet auch seine späteren Fotos für die Vogue oder am britischen Hof aus. So war er der erste, der seine Bilder bearbeitete und in der Dunkelkammer zum Beispiel Taille und Kinn schmälerte, um seinen Kunden zu schmeicheln. Seine Fantasien stülpte er auch einer ganzen Epoche über. In dem Film "My Fair Lady" (1964) prägte er mit seinen oscarprämierten Kostümen und dem Bühnenbild die optische Vorstellung der Nachgeborenen über diese Zeit mit.

Die sich in der Mode- und Kunstwelt sehr gut auskennende Regisseurin Lisa Vreeland ("Diana Vreeland: The Eye Has to Travel") setzt sich mit Leidenschaft und Zuneigung mit Beaton auseinander. Dabei kommen aber auch seine persönlichen Schwächen und Unsicherheiten zur Sprache. Anhand von vielen Tagebucheinträgen und Statements von Freunden und Wegbegleitern, aber auch Menschen, die Beaton kritisch sahen, lässt sie zum ersten Mal die Person hinter dem Star aufscheinen. Das ist besonders reizvoll, da er es eben in Öffentlichkeit darauf anlegte, seine eigene Geschichte mit kreativen Mitteln zu manipulieren.

Bis ins hohe Alter war er ein Mann, der meist einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war – so entstanden zum Beispiel wundervolle Fotos von den Rolling Stones am Pool. Er war Teil der Kreativszene und mit "der Garbo" befreundet, notierte Eigenarten und Schwächen der berühmten Persönlichkeiten, die er fotografierte in seinen Tagebüchern – wie die Blogger und Instagram-Nutzer heute. Eine faszinierende Persönlichkeit, prägend für seine Zeit und bis heute so interessant und inspirierend, dass sich diese Doku auf alle Fälle lohnt.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

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