Der Krieg ist lange noch kein Grund, keine Freundschaften zu schließen. Das zumindest scheint die Haltung der neunjährigen Christl zu sein. Gerade erst ist sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in eine noble Villa in Neuwaldegg geflüchtet, denn die Wohnung in Wien ist ausgebombt, der Vater im Feld. Es ist Anfang 1945, und während die Russen bislang nur mit Flugzeugen über die Stadt gedonnert sind und ihre Bombem abgeworfen haben, stehen sie eines Tages vor der Tür: der "Feldwebel", der "schöne Major", Ivan und Ludmilla. Und: Cohn, der Koch und Stiefelabtreter der Kompanie. Und während Christls Umgebung sich entweder zurückhält mit allzu vielen Kontakten zum Feind oder gleich mit ihm ins Bett steigt, ist das Mädchen schlicht neugierig darauf, wer sich da jetzt in Haus und Garten breitmacht. Also: schließt sie Freundschaft mit Cohn.

Vor allem bei Christls Mutter kommt das gar nicht gut an. "Wenn ein wahnsinniger Russe in der Gegend umeinander knallt, dann stehst Du in der Gegend und schaust zu!", schreit sie. "Und wenn die Russen einmarschieren, dann stehst Du am Gartenzaun und glotzt. Du wirst noch einmal Unglück über uns bringen!" Doch von Unglück ist für Christl weit und breit nichts zu sehen. Dafür eine Menge von Abenteuer und Freiheit und diesen Menschen, die eine fremde Sprache sprechen und die sie fast schon liebevoll "unsere Russen" nennt. In diesen Zeiten, nach denen das Leben nie wieder sein wird wie zuvor, riecht es überall nach dem Neuen, dem Unbekannten. Und so beschließt das Mädchen: "Ich werd alles tun, damit die Zeiten nie mehr normal werden!"

Wütende, sture, gescheite Christl

Der Roman "Maikäfer, flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich" von Christine Nöstlinger ist eines der vielen Bücher, mit denen Millionen von Menschen nicht nur im deutschsprachigen Raum aufgewachsen sind. Und: Es ist einer der explizit autobiografischen Romane der Autorin, die 1936 in Wien-Hernals geboren wurde und die mit mehr als 100 Büchern zu den bekanntesten und einflussreichsten deutschsprachigen Kinderbuchautoren zählt. Mirjam Unger hat diesen Roman jetzt verfilmt und sie hat, und das ist das Bemerkenswerte an diesem Film, das mit einer Bildsprache und einer Leichtigkeit getan, die bei aller Schwere des Themas unglaublich nah an die Vorlage kommt.

Zu verdanken ist das in erster Linie den Darstellern. Zita Gaier als "wütende, sture, gescheite" Christl oder Konstantin Khabenskiy als Cohn sind eine Wucht, dazu kommen die beeindruckenden Leistungen von Krista Stadler und Heinz Marecek als in Wien zurück gebliebene Großeltern oder die Darbietungen von Ursula Strauss und Gerald Votava als Eltern. Eine Gesamtbesetzung, die sich sehen lassen kann.

Dazu kommt der zurückhaltende, aber eindringliche Soundtrack von Eva Jantschitsch, die – wie bei ihrem Musikprojekt "Gustav", ihren Theaterproduktionen oder der Filmmusik zu "Grenzgänger" – ein untrügliches Gespür sowohl für den einzelnen, kurzen Moment als auch für die Gesamtstimmung beweist. Und dann ist da noch Eva Testors Kamera, deren Position immer hautnahes Miterleben ermöglicht, ohne zu nah dran zu sein, die den Charakteren genügend Platz lässt, sich zu entfalten und ihnen doch ganz tief ins Gesicht blickt – und manchmal auch dahinter.

"Die vielleicht sogar schönsten Wochen meiner Kindheit"

"Die Wochen aus 'Maikäfer, flieg!', die Wochen im Sommer 1945, als alles in Schutt und Asche lag, waren die aufregendsten und spannendsten und vielleicht sogar schönsten Wochen meiner Kindheit", hat Christine Nöstlinger der Regisseurin im Gespräch verraten. Auch das merkt man Buch und Film an, trotz der Härte der Ereignisse ist da eine Warmherzigkeit, die Zita Gaier stimmig auf die Leinwand bringt und die vom ganzen Ensemble sensibel beschützt wird. Und trotz dieser Wärme ist da eine Klarheit in der Haltung und in der Bildsprache, die nicht verschweigt, dass diese Tage nicht nur wunderbar waren, sondern auch voller Leid und Grauen.

Denn natürlich ist das der große Trumpf dieses Films: die Geschichte an sich, die von Freundschaft ebenso erzählt wie vom Opportunistentum dieser Tage, von Mut ebenso wie von Feigheit und Angst. "Wenn die weg sind, kenn ich keinen Major mehr – und hab auch nie einen gekannt", sagt Frau von Braun, in deren Villa die Familie untergekommen ist und deren Schlafzimmer für den Anführer der Truppe immer offenstand. Doch irgendwann sind sie weg – und das Leben versucht wieder in geregelte Bahnen zurückzufinden, und Christls Familie nach Hause, wo auch immer das sein wird. "Schau Dir alles noch mal ganz genau an, Christine. Schau Dir alles noch mal ganz genau an", sagt da die Mutter, als sie auf dem Pferdewagen die Abreise antreten. Doch Christl hat die Augen zu, als gelte es etwas zu bewahren, das man nicht sehen kann. 

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