Für Jack (Matt Dillon) ist jeder Mord ein Kunstwerk: Dass die Zeitungen darüber berichten, ist nur recht und billig.
Leichen pflastern seinen Weg: Lars von Trier degradiert in "The House That Jack Built" menschliche Überreste zu Baumaterial.

The House That Jack Built

KINOSTART: 23.11.2018 • Horror • DK / S / F / D (2017) • 153 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The House That Jack Built
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
DK / S / F / D
Laufzeit
153 Minuten

Filmkritik

Das Werk zählt, nicht die Tat
von Andreas Fischer

Lars von Triers Film über einen Serienkiller in den 1970er-Jahren ist eine kalkulierte Zumutung: "The House That Jack Built" schreckt vor keiner Grausamkeit zurück.

Was sich Lars von Trier in "The House That Jack Built" an Bildern erlaubt, ist noch schwerer erträglich als ohnehin von ihm gewohnt. Mord und Totschlag, Exzesse in Nahaufnahme und mit allen Details. Abgeschnittene Brüste aus nächster Nähe, von Geschossen zerfetzte Kinderköpfe, ein mit einem Wagenheber zerschmettertes Gesicht – die Gewalt ist stumpf, die Bilder sind drastisch. Lars von Trier hat in seinem mörderischen Zerrspiegel für die Welt, die wir kennen und die wir uns zweckmäßig normiert haben, nur Hohn und Spott übrig. Dennoch geht es dem Dänen in seinem radikal eigensinnigen neuen Film um mehr als nur die Lust an der Provokation – die ihm gleichwohl nicht abzusprechen ist und beim Filmfestival in Cannes, zu dem von Trier nach siebenjährigem Exil als "Persona non grata" zurückkehren durfte, für kontroverse Diskussionen sorgte.

Lars von Trier lässt seine Show der Grausamkeiten aus dem Off kommentieren, in einem Zwiegespräch versucht sich Jack (Matt Dillon) einem bis zum Epilog Unbekannten zu erklären. Die beiden palavern aus einer anfänglichen Dunkelheit heraus über Kunst und Gewalt und Frauen und Verwesung. Jack rechtfertigt sich, erklärt seine Taten, stellt Zusammenhänge her, während sein Gesprächspartner in ruhigem Ton unbequeme Fragen stellt und Jacks Thesen anzweifelt. Es scheint, als würde von Trier dieses Zwiegespräch mit sich selbst führen, um intellektuell zu rechtfertigen, was er seinem Publikum an Erbarmungslosigkeit auf der Leinwand zumutet.

Anhand von fünf "Incidents", was sich als Vorkommnis, Zwischenfall oder Störung übersetzen lässt, erzählt Jack seine Geschichte, die nicht nur mörderisch ist, sondern vor allem eine des Scheiterns und der Provokation. Eher zufällig zum Mörder geworden – Uma Thurman spielt sein enervierendes erstes Opfer – hat Jack daran zu knabbern, dass er es "nur" zum Bauingenieur gebracht hat, obwohl er in sich selbst einen Architekten sieht.

Jack will seine Morde als Kunstwerke verstanden wissen. "Es sprechen nicht die Taten, es sprechen die Werke", erklärt er und macht Fotos von seinen Taten, um sie an die Lokalpresse zu schicken, selbstherrlich signiert mit "Mr. Sophistication". Seine Opfer sind vornehmlich Frauen (Sofie Gråbøl, Riley Keough, Siobhan Fallon Hogan), allesamt als dumm und naiv dargestellt. Ein Schelm, wer dabei an von Triers eigenes Werk denkt, filmtechnisch und stilistisch brillant, immer aber auch die pure Provokation – vor allem auch wegen seiner Abarbeitung an frauenfeindlichen Figuren.

Mehr als 60 Morde wird Jack begehen, dass er nicht erwischt wird, ist weniger Zufall, sondern eher dem Umstand geschuldet, dass sich Lars von Trier einfach nicht dafür interessiert, wie ein Serienkiller zur Strecke gebracht werden kann. Ihm geht es um das große Ganze, er will in die Killerpsyche eintauchen.

Das gelingt ihm zwar nur bedingt, dafür sind die kunst- und kulturphilosophischen Dialoge aus dem Off zu offensichtlich oberflächlich, aber er baut ziemlich geschickt ein Panorama der Abgründe auf. Der Film wagt sich mit jeder Szene einen Schritt weiter in die Hölle, die Jacks Seele ist – bis der schließlich und zwangsläufig genau dort landet: Hingeführt von einem Mann, der sich Verge nennt und von Bruno Ganz gespielt wird. Der Verweis auf Dantes "Göttliche Komödie" ist eine letzte Pointe, nachdem Lars von Trier zuvor schon die halbe Welt-, Architektur- und Kunstgeschichte in Schutt und Asche gelegt hat.

Am Ende muss alles verbrennen, am Ende verbrennt Lars von Trier in dem Höllenfeuer, das er selbst gelegt hat. In diesem Sinne kann man "The House That Jack Built" auch als zynische Komödie sehen, als wahnwitzige Abrechnung eines Künstlers mit einer Welt, die nicht bereit ist, die analytische Logik hinter seinen radikalen Ideen zu sehen. Weil sie vor dem Offensichtlichen die Augen verschließt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Überzeugt schon seit Kindertagen durch Vielseitigkeit: Matt Dillon.
Matt Dillon
Gehört zu den vielseitigsten Darstellerinnen: Uma Thurman.
Uma Thurman

Neu im kino

Die Odyssee (2026)
Die Odyssee
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
So klingt das Leben (2025)
So klingt das Leben
Drama • 2025
prisma-Redaktion
Was haben wir gelacht (2026)
Was haben wir gelacht
Dokumentarfilm • 2026
prisma-Redaktion
Vaiana (2026)
Vaiana
Familie • 2026
prisma-Redaktion
Virginia Woolf's Night & Day (2026)
Virginia Woolf's Night & Day
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Etwas ganz Besonderes (2026)
Etwas ganz Besonderes
Drama • 2026
prisma-Redaktion
The Piano Tuner (2026)
The Piano Tuner
Krimi • 2026
prisma-Redaktion
Vom Traum, unsinkbar zu sein (2026)
Vom Traum, unsinkbar zu sein
Dokumentarfilm • 2026
prisma-Redaktion
Minions & Monster (2026)
Minions & Monster
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
Supergirl (2026)
Supergirl
Action • 2026
prisma-Redaktion
Jackass: Einer geht noch (2026)
Jackass: Einer geht noch
Action • 2026
prisma-Redaktion
Power Ballad – Der Song meines Lebens (2026)
Power Ballad – Der Song meines Lebens
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
The Death of Robin Hood (2026)
The Death of Robin Hood
Drama • 2026
LOL 2.0 (2026)
LOL 2.0: Anne’s Golden Hour
Komödie • 2026
Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens (2025)
Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens
Animation • 2025
prisma-Redaktion
Dolly (2026)
Dolly
Horror • 2026
prisma-Redaktion
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit
Mystery • 2026
prisma-Redaktion
Masters of the Universe (2026)
Masters of the Universe
Action • 2026
prisma-Redaktion
Sommer auf Asphalt (2026)
Sommer auf Asphalt
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Scary Movie (2026)
Scary Movie
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Solo Mio (2026)
Solo Mio
Liebesfilm • 2026
prisma-Redaktion
Passenger (2026)
Passenger
Horror • 2026
prisma-Redaktion
Verflucht normal (2025)
Verflucht normal
Drama • 2025
prisma-Redaktion
Backrooms (2026)
Backrooms
Horror • 2026
Vivaldi und ich (2025)
Vivaldi und ich
Musik • 2025
prisma-Redaktion
Mother Mary (2026)
Mother Mary
Musik • 2026
prisma-Redaktion
The Mandalorian and Grogu (2026)
Star Wars: The Mandalorian and Grogu
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang (2026)
Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Glennkill – Ein Schafskrimi (2026)
Glennkill – Ein Schafskrimi
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Meine Freundin Conni – Abenteuer mit Kranich Klaus (2026)
Meine Freundin Conni – Abenteuer mit Kranich Klaus
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion