Isabelle Huppert spielt die taffe, unterkühlte Firmenchefin Anne.
Von wegen "Happy End": Michael Hanekes gleichnamiger Film ist ein verstörendes Familiendrama.

Happy End

KINOSTART: 12.10.2017 • Drama • F / AT / D (2017) • 108 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Happy End
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
F / AT / D
Filmstudio
Les Films du Losange, X Filme Creative Pool, Wega Film, ARTE France Cinéma, France 3 Cinéma, WDR, BR, ARTE
Budget
13.600.000 USD
Einspielergebnis
2.610.794 USD
Laufzeit
108 Minuten
Regie
Michael Haneke
Kamera
Gerald Helf, Christian Berger

Filmkritik

Familie kann die Hölle sein
von Heidi Reutter

Der Österreicher Michael Haneke gehört zu den spannendsten Erzählern des europäischen Kinos. Seine Filme bleiben in Erinnerung. Unvergessen sind die brutalen "Funny Games" (1997), "Das weiße Band" (2009) oder aber sein zärtliches Meisterwerk "Liebe" (2012). Für Letztere wurde Haneke beim Festival in Cannes mit der Goldene Palme ausgezeichnet.

Filme wie "Die Klavierspielerin"(2001) oder "Caché" (2005) sind perfide und provokative Gesellschaftsstudien, die man als Zuschauer immer mit einer gewissen inneren Anspannung verfolgt, weil Hanekes Dramaturgie unberechenbar ist. Man weiß nie, welche Grausamkeit – emotional oder physisch – einen in der nächsten Szene erwartet. In "Happy End" bleibt Haneke seinem Stil und seinen Themen treu und skizziert mit scharfer Beobachtungsgabe aus kühler Distanz die Abgründe innerhalb einer scheinbar ehrbaren Dynastie.

Schauplatz des Geschehens ist Calais, wo die Familie Laurent eine erfolgreiche Baufirma betreibt. Deren Chefin ist die unterkühlte, taffe Anne (wie immer kontrolliert: Isabelle Huppert), die ihren Sohn Pierre (gespielt vom deutschen Ausnahme-Talent Franz Rogowski) als Geschäftsführer eingesetzt hat. Allerdings kriegt er nichts auf die Reihe und hat mit den eigenen Dämonen zu kämpfen.

Das gilt in anderer Weise auch für Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz), dessen Ex-Frau einen Suizidversuch unternommen hat. Die gemeinsame, zwölfjährige Tochter Eve (Fantine Harduin) ist deshalb in die Villa der Laurents eingezogen, wo sie der Affäre des lieblosen Vaters auf die Schliche kommt. Geborgenheit und das Gefühl von Zugehörigkeit wird sie dort nicht finden, weil jeder im Haus mit sich selbst beschäftigt ist. Das gilt auch für den groben, selbstgerechten Patriarchen Georges (Jean-Louis Trintignant), dem Vater von Anne und Thomas, der mit seinem Leben abgeschlossen hat.

Nuanciertes, empathiefreies Psychogramm

Michael Haneke entwirft in seinem zynisch betitelten "Happy End" ein sehr nuanciertes, gänzlich empathiefreies Psychogramm einer dysfunktionalen Familie. Sie ist letztlich beispielhaft für unsere egozentrische Gesellschaft, in der sich die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet und jeder sich selbst der Nächste ist. Auch die Flüchtlingsfrage wird am Rande thematisiert: In der Hafenstadt Calais stranden immer wieder Afrikaner, die als billige Arbeiter herhalten müssen und die der Taugenichts Pierre ausgerechnet zum Geburtstag seines Großvaters anschleppt.

Darüber hinaus hat der Film auch eine andere erzählerische Ebene, die sich lange nicht einordnen lässt: Kleine, im Hochformat gedrehte Handy-Filmchen aus dem Familienleben unterbrechen immer wieder die eigentliche Handlung, ohne dass man zunächst weiß, wer diese Videos eigentlich dreht. Der Voyeurismus dieser Clips, in denen beispielsweise einem Hamster Tabletten verabreicht werden, löst Beklemmung aus. Sie sind genauso unpersönlich wie das Klima, das in der Villa der Laurents herrscht. Filmisch transportiert sich die Gefühlskälte über totale Einstellungen – ein Stilmittel, das auch der Österreicher Ulrich Seidl gerne benutzt, allerdings mit einem grotesken Effekt. Familie kann die Hölle sein.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Schönheit aus Frankreich: Isabelle Huppert.
Isabelle Huppert
Jean-Louis Trintignant
Eckt oft mit seinen Filmen an: Mathieu Kassovitz
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Alter Hase im Showgeschäft: Toby Jones.
Toby Jones
Schauspieler Franz Rogowski zu Gast bei Pegah Ferydoni im "Berlinale-Studio" am Tag der Eröffnung  der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin 2018.
Franz Rogowski
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