Von Kindesbeinen an sind Ben (Frederick Lau, vorne) und Simpel (David Kross) ein Herz und eine Seele.
Markus Goller und seine fantastischen Hauptdarsteller wissen mit einer anrührenden, aber nie kitschigen Umsetzung der Romanvorlage "Simpel" zu begeistern.

Simpel

KINOSTART: 09.11.2017 • Drama • D (2017) • 113 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Simpel
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
D
Laufzeit
113 Minuten

Filmkritik

Ben, Simpel und Monsieur Hasehase
Von Gabriele Summen

Die von Markus Goller inszenierte Tragikomödie "Simpel" überzeugt mit hervorragenden Darstellern und einem gut durchdachtem Drehbuch.

Deutscher Filmpreis für seine Nebenrolle in "Die Welle", ein weiterer für seine Hauptrolle in "Victoria" und obendrauf noch der Grimmepreis für seine Darbietung in "Neue Vahr Süd": Mit nur 28 Jahren gehört Frederick Lau zur ersten Schauspielerriege Deutschlands. In Markus Gollers Tragikomödie "Simpel" verkörpert der Berliner nun herausragend einen jungen Mann, der seinen geistig behinderten Bruder über alles liebt, darüber aber sein eigenes Leben vergisst. Jenen Bruder mit dem kindlich-sonnigen Gemüt, den alle Simpel rufen, verkörpert der hochtalentierte David Kross ("Der Vorleser"), ebenfalls bravourös. Vergleiche mit Leonardo DiCaprio in "Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa" und Dustin Hoffman als "Rain Man" braucht Kross, der dem kognitiv beeinträchtigten Mann eine faszinierende Persönlichkeit verleiht, gewiss nicht zu scheuen.

Anders als in der Vorlage, dem gleichnamigen Roman der französischen Autorin Marie-Aude Murail, der unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis gewann, rücken Goller ("Friendship!") und sein Drehbuchautor Dirk Ahner spannenderweise die anrührende Beziehung der unzertrennlichen Brüder in den Mittelpunkt. Zudem verlegten sie die Geschichte erfolgreich von Paris ins schöne Hamburg, das Gollers Stamm-Kameramann Ueli Steiger atmosphärisch einzufangen weiß.

Nach dem Tod ihrer alleinerziehenden Mutter müssen die erwachsenen Deichkinder Ben und Simpel nämlich in die Hansestadt reisen. Ben will dort seinen Vater (großartig: Devid Striesow), der mit seinem behinderten Sohn nie zurechtkam und sich in Hamburg lieber eine neue Familie zulegte, dazu bringen, Simpels Heimeinweisung zurückzunehmen. Ihr ist Simpel nur entgangen, weil sein kleiner Bruder in Kurzschluss-Handlung einfach das Polizeiauto stahl, mit dem er in eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung gebracht werden sollte. Seitdem befinden sich die beiden Brüder gemeinsam mit Simpels Alter Ego, dem Stofftier Monsieur Hasehase, auf der Flucht. Während ihres kleinen Roadtrips freunden sie sich unter anderem mit der taffen Medizinstudentin Aria (Emilia Schüle) und dem einfühlsamen Sanitäter Enzo (Axel Stein) an.

Simpels unverstellte, spontane Art und sein Drang, gelegentlich auszureißen oder nicht auf seinen Bruder zu hören, lässt die beiden von einer tragisch-schönen beziehungsweise komisch-schönen Situation in die nächste schlittern. Ohne, dass man je den Respekt vor diesem eigensinnigen, gehandicapten Mann verlieren würde.

Bens aufopferungsvolle Liebe gegenüber seinem Bruder wiederum, die aufgrund der außergewöhnlichen Performance von Frederik Lau so authentisch wirkt, lässt den Zuschauer das ein oder andere Mal zum Taschentuchzipfel greifen. Schämen muss sich für die Tränen hinterher niemand. So folgt man Ben, Simpel und natürlich auch Monsieur Hasehase gebannt bis zum Schluss, wenn die beiden ungleichen Brüder, die nur das jeweils Beste für den anderen wollen, entscheiden müssen, wie sie weiterleben wollen.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

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