Dick Cheney (Christian Bale) und seine Frau Lynne (Adam McKay) gehören zum politischen Establishment der USA.
Fünf Jahrzehnte US-Geschichte: "Vice - Der zweite Mann" ist für acht Oscars nominiert.

Vice - Der zweite Mann

KINOSTART: 21.02.2019 • Drama • USA (2019) • 132 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Vice
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
USA
Filmstudio
Annapurna Pictures, Gary Sanchez Productions, Plan B Entertainment
Budget
60.000.000 USD
Einspielergebnis
52.138.055 USD
Laufzeit
132 Minuten
Regie
Adam McKay
Music
Nicholas Britell
Kamera
Matt Kennedy, Greig Fraser

Filmkritik

Wie man erfolgreich Strippen zieht
von Christopher Diekhaus

In "Vice – Der zweite Mann" erzählt Adam McKay von der Karriere des früheren US-Vizepräsidenten Dick Cheney. Eine beißende Satire, die sich völlig zurecht Hoffnung auf acht Oscars machen darf.

Für sein auch körperlich schonungsloses Eintauchen in seine Rollen ist Christian Bale berühmt-berüchtigt. Als Vorbereitung auf den beklemmenden Thriller "The Machinist" nahm der Hollywood-Star fast 30 Kilo ab; bei seinem Engagement in "American Hustle" hingegen aß sich der in Wales geborene Darsteller eine ordentliche Wampe an. Kräftig zugelegt hat Bale nun auch für die biografische Politsatire "Vice – Der zweite Mann", in der er als früherer US-Vizepräsident Dick Cheney brilliert – und auf einen von den insgesamt acht Oscars, für die der Film nominiert ist, hoffen darf.

Seine bereits mit einem Golden Globe ausgezeichnete Performance kommentierte der Schauspieler während seiner Dankesrede mit einem kurzen Gruß an Satan, der ihm die richtige Inspiration für den Part gegeben habe. Ein augenzwinkernder, aber auch wunderbar pointierter Hinweis. Immerhin skizziert der von Adam McKay geschriebene und inszenierte Film Cheney als einen stillen, bürokratischen, aber auch diabolischen Strippenzieher im Herzen der US-amerikanischen Machtmaschinerie.

Bevor Cheney seine Qualitäten als tonangebender Schattenmann zur Geltung bringen kann, steht allerdings ein langsamer Aufstieg an. Zu Beginn der 1960er-Jahre ist er – so zeigt es zumindest McKay – noch ein ambitionsloser Rauf- und Trunkenbold, dem erst eine Standpauke seiner ehrgeizigen Ehefrau Lynne (Amy Adams) die Augen öffnet. Mit einem Praktikum beim aufstrebenden Republikaner Donald Rumsfeld (Steve Carell als Oberzyniker) startet er seine ersten Gehversuche auf dem politischen Parkett. Hier erweist er sich als gewiefter Taktiker.

Geduldig arbeitet Cheney am Vorrücken in die erste Reihe und wird unter George Bush sen. (John Hillner) zum Verteidigungsminister ernannt. Nach dem Wahlsieg Bill Clintons zieht er sich fürs Erste von der großen Bühne zurück, feiert dann aber unter George W. Bush (herrlich unbedarft verkörpert von Sam Rockwell) ein Comeback als Vizepräsident. Cheneys große Stunde schlägt nach den traumatischen Terroranschlägen vom 11. September 2001, als er das Chaos für eine Ausweitung seines Einflusses nutzt und akribisch den Einmarsch in den Irak vorbereitet.

Statt eines braven, streng chronologischen Biopics serviert der mit weniger anspruchsvollen Komödien bekannt gewordene Regisseur McKay ("Stiefbrüder") dem Publikum einen wilden, unterhaltsamen, sicherlich polemischen, allerdings auch informativen Ritt durch die US-Politikgeschichte der letzten 50 Jahre. Ähnlich wie in seiner bissigen Börsencrash-Farce "The Big Short" zieht McKay alle möglichen Stil- und Drehbuchregister, um das Interesse des Zuschauers zu gewinnen.

Ironisch kommentiert wird das Geschehen von einem mysteriösen Erzähler namens Kurt (Jesse Plemons), dessen Verbindung zu Cheneys Wirken sich langsam erschließt. Schon nach rund einer Stunde setzt ein nicht ernstgemeinter Abspann ein. Bei einer wichtigen Entscheidungsfindung lässt das Skript den Protagonisten und seine Frau plötzlich in Shakespeare-Versen reden. Und während eines surrealen Restaurantbesuchs nimmt der Film Cheneys Zustimmung zu Foltermethoden auf die Schippe.

Gewiss darf man hier bei Weitem nicht alles für bare Münze nehmen. Und doch legt McKay eine kenntnisreich recherchierte, packend-amüsante Collage von Zusammenhängen und Ereignissen vor. Mehr als einmal bleibt einem allerdings das Lachen im Halse stecken, da Cheney mit einigen fragwürdigen Entscheidungen den Grundstein für noch heute gärende Konflikte und Probleme legte.

Sehenswert ist die aufrüttelnde, nachdenklich stimmende Politsatire auch deshalb, weil die beißende Anklage gelegentlich zugunsten kleiner, spannender Brüche in den Hintergrund tritt. Der Mensch hinter der kühl kalkulierenden Fassade des Machtspielers kommt beispielsweise zum Vorschein, als Cheneys lesbische Tochter Mary (Alison Pill) ihr Coming-out vor ihren Eltern hat. Mutter Lynne denkt sofort besorgt an die politischen Konsequenzen der Offenbarung. Ihr konservativer Gatte hingegen reagiert überraschend einfühlsam. Später ringt er George W. Bush sogar das Versprechen ab, auf Bundesebene nicht gegen die gleichgeschlechtliche Ehe vorzugehen.

McKays Kritik an Cheney und seinen Handlungen fällt zwar hart und ätzend aus. Zu einem platten Rundumschlag lässt sich der Regisseur jedoch nicht hinreißen. Bequem machen soll es sich nämlich niemand in seiner durch den Film befeuerten Entrüstungshaltung.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Geht in seinen Rollen auf: Alfred Molina
Alfred Molina
Zweifache Golden-Globe-Gewinnerin: Amy Adams.
Amy Adams
Sunnyboy und Oscar-Preisträger aus Wales: Christian Bale.
Christian Bale
Viel zu oft im Hintergrund: Eddie Marsan
Eddie Marsan
Schauspielerin Jane Fonda.
Jane Fonda
Sieht gut aus und kann sogar schauspielern: Naomi Watts.
Naomi Watts
Ronald Reagan war von 1981 bis 1989 der 40. Präsident der USA.
Ronald Reagan
Schauspieler Sam Rockwell im Starporträt.
Sam Rockwell
Begann seine Schauspielkarriere im Alter von sechs Jahren: Steve Carell.
Steve Carell
Whoopi Goldberg - schon seit Jahrzehnten erfolgreich.
Whoopi Goldberg
Weitere Darsteller
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