"Intrige" ist Roman Polanskis bester Film seit Jahren. Doch das Historiendrama hat einen gewissen Beigeschmack.

Es ist nicht immer einfach, Werk und Autor zu trennen. Woody Allens letzter Film "A Rainy Day in New York" etwa wurde von manchem Kritiker mit geradezu detektivischer Lust nach Hinweisen durchsucht, die irgendwie im Zusammenhang mit den Missbrauchsvorwürfen gegen den Regisseur stehen könnten. Und wer sucht, der findet meistens, auch wenn's nur Aktgemälde in Öl sind, die in der Wohnung eines der Protagonisten des Films hängen. Roman Polanski macht es all jenen, die seinen neuen Film "Intrige" als Kommentar auf die Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn sehen möchten, deutlich leichter. Natürlich gebe es Parallelen zwischen seinem Fall und dem des zu Unrecht des Hochverrats angeklagten Alfred Dreyfus, von dem sein Film handelt, sagte Polanski im Sommer. Und dann ist da noch der Titel des Werks: "J'accuse" heißt der Film im französischen Original, "Ich klage an". "J'accuse", so überschrieb Émile Zola seinen legendären Zeitungsartikel, mit dem der Schriftsteller 1898 wortgewaltig die Freilassung von Dreyfus forderte. Aber auch Polanski klagt an: all jene, die ihn, so sagt er, zu Unrecht an den Pranger stellten.

Polanski vergleicht sich also mit Dreyfus selbst, stellt seinen Fall auf eine Ebene mit dem größten Justizskandal, den Frankreich im 19. Jahrhundert gesehen hat. Das ist eine gleich zweifache Anmaßung. Denn einerseits war und ist der Fall Polanski keiner, der das Zeug hat, einen Staat in eine Krise zu stürzen; vor allem aber war der angebliche Spion Dreyfus tatsächlich unschuldig. Polanski hingegen hat seine Schuld, zumindest zu einem Teil, längst eingestanden.

Im Jahr 1977 hatte der Filmemacher in den USA eine damals 13-Jährige missbraucht; nach einem Deal mit einem Richter bekannte er sich des Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen schuldig. Weitere Vorwürfe anderer Frauen, die in den letzten Jahren gegen ihn erhoben wurden, wies er hingegen zurück. Zuletzt warf ihm die französische Fotografin Valentine Monnier vor, sie 1975 in seinem Schweizer Haus geschlagen und vergewaltigt zu haben. "Man versucht, mich zu einem Monster zu machen", polterte der Regisseur kürzlich in einem Interview. Der Fall ist längst verjährt, es steht Aussage gegen Aussage.

Es ist dieser Hintergrund, vor dem Polanskis Film nun in die deutschen Kinos kommt. Trotz dieses bitteren Beigeschmacks muss man festhalten: "Intrige" ist ein ziemlich guter Film geworden, Polanskis bester seit "Venus im Pelz" von 2013. Das Historiendrama beginnt im Jahr 1895. Da steht Alfred Dreyfus (Louis Garrel) an einem kalten Januarmorgen auf einem großen Appellplatz in Paris, hinter ihm der einige Jahre vorher fertiggestellte Eiffelturm. Zuvor wurde Dreyfus des Hochverrats für schuldig erklärt; nun nimmt man ihm seinen Säbel, seine Abzeichen, seine Uniform. "Man degradiert einen Unschuldigen!", ruft Polanski – Verzeihung: Dreyfus, während hinter einem Zaun die Meute grölt. Es ist der vorläufige Schlusspunkt einer Affäre, die die dritte französische Republik erschütterte. Alfred Dreyfus, Artillerie-Hauptmann und einer der wenigen Juden in der französischen Armee, soll für Deutschland spioniert haben. Nach seiner Verurteilung wird er auf die Teufelsinsel verbannt, eine Strafkolonie vor der Küste Südamerikas.

Mit dabei an jenem geschichtsträchtigen Wintermorgen ist auch Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin), der wenig später die Leitung der Geheimdienstabteilung übernimmt, die Dreyfus überführt haben will. Anfangs glaubt Picquart noch an dessen Schuld. Je mehr er aber die alten Unterlagen analysiert, desto überzeugter ist er: Dreyfus ist unschuldig, Opfer einer Intrige, die bis in höchste Militär- und Regierungskreise reicht. Mit mehreren Zeitsprüngen erzählt Regisseur Polanski von Picquarts Ermittlungen, er zeigt in Rückblenden den Prozess gegen Dreyfus und schließlich, wie das Verfahren gegen ihn 1899 erneut aufgenommen wird. Dabei schafft Polanski immer wieder erschreckende Parallelen zur Gegenwart: Für viele Zeitgenossen war Dreyfus schon alleine deshalb verdächtig, weil er Jude war. Auch hier ist der Film wieder ganz nah an Polanski selbst, der während der nationalsozialistischen Judenverfolgung am eigenen Leib spüren musste, was Antisemitismus bedeutet.

"Intrige" ist Historienkino im besten Sinne. Die Ausstattung ist fantastisch, die beiden Hauptdarsteller und sämtliche Nebenrollen sind grandios besetzt. Vor allem aber ist der Film hochspannend. Das ist nur zum Teil Polanskis Inszenierung geschuldet, die sehr klassisch daherkommt. Entscheidend ist, dass Polanski das Drehbuch des Films zusammen mit dem Thrillerautor Robert Harris schrieb, nach dessen gleichnamigem Thriller (beide arbeiteten schon 2010 für "Der Ghostwriter" zusammen). Auch wer weiß, wie die Affäre Dreyfus ausging, wird von diesem Film mitgerissen. "Intrige" ist ein präzises Gefecht der Worte, ein meist in enge Räume gequetschtes Duell ganz großer Schauspieler – Politthriller, Historiendrama, Kriminalfilm in einem. Schade nur, dass Polanski es einem schwer macht, den Film nur als das zu betrachten, was er ist: ein Film.

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Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH