"Stromberg"-Regisseur Arne Feldhusen erzählt die nächste Geschichte aus Sven Regeners "Herr Lehmann"-Welt. Was soll da schon schiefgehen?

Sven Regener schwelgt gerne in Erinnerungen. Der Abschied, das Vermissen, das Nachtrauern – das sind wiederkehrende Motive des Element-Of-Crime-Sängers und Buchautors. Seine Anhänger begleiten ihn gerne dabei, erinnern sich an große Momente, die seine Diskografie und Autorenschaft schon hervorgebracht hat. Und sie erinnern sich nur zu gerne an die Verfilmung seines bisher erfolgreichsten Romans: "Herr Lehmann" von 2003. Am Ende wird darin Herrn Lehmanns bester Freund Karl Schmidt, gespielt von Detlev Buck, von einem Arzt, gespielt von Christoph Waltz, ruhiggestellt. Drogen, Alkohol, Elektrolytmangel – der (Lebens-)Künstler hatte es zu weit getrieben. In "Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt" kehrt Karl Schmidt zurück.

Diesen Karl Schmidt spielt diesmal nicht Detlev Buck, sondern von Charly Hübner. Das passt: Aus dem stolzen Beschützertyp ist ein geknickter Lakoniker geworden, ein distanzierter Beobachter. Dafür scheinen seine Gedankenwege klarer, nachvollziehbarer als noch zur Zeit des Mauerfalls. Nun, fünf Jahre später, ist er nach einem längeren Aufenthalt in der "Klapse" clean, wohnt in einer Suchtkranken-WG und arbeitet als Hausmeister. Wahrscheinlich würde Karl Schmidts Leben ewig so weiter in diesen Bahnen verlaufen, zwar mit angespannten Nerven aufgrund der seltsamen bis chaotischen Mitbewohner und deren Althippie-Moralisten-Gruppenleiter Werner (Bjarne Ingmar Mädel), doch irgendwie ist es auch okay so.

Doch Karl Schmidt trifft per Zufall auf Raimund (Marc Hosemann), mit dem er mal in einer Band spielte, als er noch der alte Karl Schmidt war. Dass der neue Karl Schmidt keinen Alkohol mehr trinkt und keine Drogen mehr nimmt, wird vom überdrehten Raimund ganz und gar nicht beanstandet: Man braucht einen Fahrer für die "Magical Mystery Tour" seines Techno-Labels. Ja, wir bewegen uns Mitte der 90er, das allmählich zusammengewachsene Berlin feiert zwar noch in alten Atomschutzbunkern wilde Techno-Partys. Techno findet aber auch in den Charts statt – und Raimunds Bumm Bumm Records verdient prächtig am Ende des anarchischen Glücks der Szene.

Furchtbar treffende Dialoge

Ob sich Karl Schmidt nun freiwillig hinters Lenkrad setzt und wirklich Lust hat, bei diesem rauschreichen Treiben dabei zu sein, ist nur schwer auszumachen. Es dringt eben nicht viel nach außen von Karl Schmidt. Aber irgendetwas scheint ihn doch anzutreiben. Also geht es auf Rave-Tour, so richtig mit Begleitfilm wie bei den Beatles damals. Die Kamera vergisst aber einer der wandelnden Vollpfosten, die sich da in dem von Karl Schmidt gesteuerten Kleinbus tummeln. Viel mehr passiert in diesem Film eigentlich auch gar nicht. Die furchtbar treffenden Dialoge tragen das Geschehen und lassen die Waage gerne mal ins Krude kippen. Sven Regener halt, in Verbindung mit einem einwandfreien Casting.

Karl Schmidt, der von seinen alten Bandkollegen Charly genannt wird, hält sich so gut es nur geht von all den zu so einer Techno-Tour gehörenden Versuchungen fern, einzig der DJane Rosa (Annika Meier, ausgezeichnet beim Filmfest München, wo der Film Premiere feierte) verfällt er. Dass ihr Mädchen für alles immer wieder an paranoiden Anfällen leidet, fällt den Genussspechten nicht weiter auf. Wie es denn in so einer "Klapse" ist, wird er mal gefragt. Wahrscheinlich auch nur, weil von Karl Schmidt kein langer, fesselnder Bericht zu erwarten ist.

Wie es Herrn Lehmann derweil ergangen ist, erzählt der Film nicht. "Stromberg"-Regisseur Arne Feldhusen treibt Sven Regeners Spiel aus dem Ausgangstext (2013) sogar noch weiter. Dort wird Frank Lehmann zwar in Erinnerungen Karl Schmidts erwähnt, ein Treffen am Ende scheitert.

Aus der Verfilmung nun fällt der damals von Christian Ulmen verkörperte Großstadtmelancholiker komplett raus. Während man am Anfang, wenn die Neubesetzung des Karl Schmidt erst mal befremdlich wirkt, noch auf ein Wiedersehen hofft, fällt dies später ganz und gar nicht mehr ins Gewicht. Es stiftet nicht einmal Verwirrung, dass Ex-Karl-Schmidt Detlev Buck in diesem Film eine andere Rolle ausfüllt, die des Co-Labelchefs und Herdenführers Ferdi. Feldhusen findet in der vermeintlichen Fortsetzung eine eigenständige Geschichte, die zwar mit den Erinnerungen an den alten Karl Schmidt bereichert wird, ohne diese aber auch wunderbar funktionieren sollte.

Quelle: teleschau – der Mediendienst