54 Jahre hatte das wahrscheinlich bekannteste Kindermädchen der Kinogeschichte Pause, nun aber ruft wieder die Arbeit: Mary Poppins kehrt zur Familie Banks zurück und muss feststellen, dass es im Kirschbaumweg 17 immer noch – oder schon wieder – die gleichen Probleme gibt. Die Fröhlichkeit ist aus dem Haus gewichen, die Zeiten sind hart, die Erwachsenen ziemlich mit sich selbst beschäftigt. Viel zu tun also für die perfekte Nanny, die in der heillos nostalgischen Fortsetzung "Mary Poppins' Rückkehr" einmal mehr eine dringend benötigte Portion Magie in das alte Haus ihrer ehemaligen Schützlinge bringt.

Von einem ikonischen Film wie "Mary Poppins" nach mehr als 50 Jahren eine Fortsetzung zu drehen, das erfordert vor allem Mut. Jede Szene, jede Regung, jedes Detail, einfach alles wird am Original gemessen. Und ja: "Mary Poppins' Rückkehr" ist dem Klassiker aus dem Jahr 1964 gegenüber vielleicht eine Spur zu ehrfürchtig.

Schaden tut das dem Filmmusical allerdings nicht wirklich, vor allem dann nicht, wenn man zu den Menschen gehört, die das Wort "supercalifragilisticexpialigetisch" nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen haben. Sie bekommen einfach ganz großes Revuekino, das die Technicolor-bunten Zeiten des alten Hollywood heraufbeschwört und die Geschichte der Banks-Geschwister weitererzählt.

Michael (Ben Wishaw) und Jane (Emily Mortimer) sind mittlerweile selbst erwachsen. Im London der 1930er-Jahre benötigt vor allem Michael dringend eine Portion Magie. Die Weltwirtschaftskrise und ein schwerer persönlicher Schicksalsschlag haben ihre Spuren hinterlassen, die auch an seinen drei Kindern John (Nathanael Saleh), Anabel (Pixie Davies) und Georgie (Joel Dawson) nicht vorübergehen. Und dann droht der Familie auch noch der Verlust ihres geliebten Hauses im Kirschbaumweg 17.

Das Leben entgleitet den Banks' wie der Luftballon, den Georgie im Park loslässt. Aber es gibt ja Mary Poppins (Emily Blunt), die ihn auf wundersame Weise als persönliche Landehilfe einsetzt und sich anschickt, die Fröhlichkeit zurückzubringen.

Inszeniert von Musical-Spezialist Rob Marshall macht "Mary Poppins' Rückkehr" dort weiter, wo das Original aufgehört hat – und funktioniert ganz wunderbar auch ohne den alten Film zu kennen. Wer sich darauf einlässt, die Welt durch Mary Poppins' Augen zu betrachten, wird seine kunterbunten Wunder erleben.

Wer mag, kann in der Rahmenhandlung auch einen kritischen Verweis auf moderne Zeiten sehen, in denen Geld wichtiger ist als Menschlichkeit und man unverschuldet ganz schnell in prekäre Situationen geraten kann: Colin Firth als Banker würde in Frankfurt oder an der Wall Street nicht sonderlich auffallen.

Marshall tut gut daran, den Film mit einer gehörigen Portion Nostalgie zu inszenieren. "Mary Poppins' Rückkehr" atmet den Geist des alten Disney-Märchens: mit prächtigen Kulissen, schmissigen Musical-Einlagen, fantasievollen Ausflügen in zauberhafte Parallelwelten. Man könnte bemängeln, dass viele Szenen Variationen des Originals sind und nur in Details ergänzt oder verändert wurden, muss es aber nicht. Was gut war, kann gut bleiben.

Unbestritten bleibt, dass Emily Blunt als Titelheldin eine würdige Nachfolgerin von Julie Andrews ist. Auch wenn ihr die kühle Distanz etwas fehlt und sie sich hin und wieder ein warmes Schmunzeln nicht verkneifen kann. Die Entdeckung des Films ist aber der Musical-erprobte Lin-Manuel Miranda, der als gnadenlos optimistischer Laternenanzünder Jack den Part übernimmt, den einst Dick van Dyke als Schornsteinfeger innehatte: van Dyke ist übrigens der einzige Darsteller aus dem Originalfilm, der in der Fortsetzung eine Rolle übernahm.

Quelle: teleschau – der Mediendienst