"Dieses ist das erste Vorgefühl des Ewigen: Zeit haben zur Liebe" – diesen Auszug aus Rilkes Schmargendorfer Tagebuch stellt Hans Weingartner seinem Roadmovie "303" voran. In den nächsten zweieinhalb Stunden wird der Zuschauer Zeuge einer sich ganz allmählich entwickelnden, dialoglastigen Lovestory, die wie aus der Zeit gefallen zu scheint: Zwei recht gegensätzliche junge Menschen aus der Tinder-Liebe-wisch-und-weg-Generation nehmen sich alle Zeit der Welt, einander kennenzulernen, sich die Köpfe heiß zu reden, zu beschnuppern – und ganz allmählich ineinander zu verlieben. Parallelen zu der großartigen "Before ..."-Trilogie von Richard Linklater sind nicht zufällig, sondern gewollt. Schließlich ist Regisseur Weingartner ein großer Bewunderer dieser Reihe und hat 1995 bei "Before Sunrise" sogar als Produktionsassistent mitgearbeitet.

Genau wie bei Weingartners mehrfach ausgezeichnetem Film "Die fetten Jahre sind vorbei" (2004) heißen seine ebenfalls linksintellektuellen Protagonisten Jan und Jule. In einer Parallelmontage lernt man die beiden gleichaltrigen Berliner Studenten kennen: Jule (Mala Emde) ist soeben durch ihre Biochemie-Prüfung gefallen und hat zudem gerade entdeckt, dass sie von ihrem Freund, der in Portugal an seiner Doktorarbeit schreibt, unfreiwillig schwanger ist. Jan (Anton Spieker) hat von seinem Professor erfahren, dass er das dringend benötigte Stipendium der konservativen Konrad-Adenauer-Stiftung nicht bekommt, da er sich in seiner Bewerbung nicht genug angebiedert hat.

Spontan entschließt sich Jan, nach Nordspanien zu reisen, um seinen leiblichen Vater zu überraschen, von dem er erst vor Kurzem erfahren hat. Als ihn seine Mitfahrgelegenheit versetzt, trifft er auf Jule, die im titelgebenden alten Wohnmobil – Modell Mercedes Hymer 303 – unterwegs zu ihrem Freund ist, um ihm die Nachricht von ihrer Schwangerschaft persönlich zu überbringen. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten merken die jungen Leute, die sehr verschiedene Ansichten haben, dass sie dennoch gern miteinander reden. So beschließen sie, die Strecke gemeinsam zu bestreiten.

Die Kamera nimmt durchweg die Perspektive eines Beobachters ein, sodass man als Zuschauer ganz nah dran ist an den beiden Studenten, wenn diese bei den unterschiedlichsten Themen leidenschaftlich diskutieren. Während Jan glaubt, dass uns Wettbewerb im Blut liegt, denkt Jule, dass der Mensch im Kern ein kooperatives und empathisches Wesen ist. Küssen ist für Jan nichts anderes als ein Gen-Check, bei dem man über die Pheromone den besten Sexualpartner erschnüffelt, während die romantische Jule fest davon überzeugt ist, dass sie sich nicht "von ihren Eierstöcken die Typen aussuchen lässt."

Beeindruckend, wie die jungen Schauspieler den ungewöhnlichen und berührenden Film tragen, der allerdings ein wenig zu lang geraten ist. Wochenlang hat der österreichische Regisseur mit den begabten Darstellern die von ihm und seiner Co-Autorin Silke Eggert entwickelten Dialoge geprobt. Sie beruhen auf Weingartners seit 1997 geführtem Dialogtagebuch und etlichen Videointerviews mit jungen Leuten. Dennoch wirken sie so authentisch, als hätten die beiden sie soeben improvisiert.

Je näher sie ihrem Ziel, quer durch Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal kommen, desto stärker wird die Anziehungskraft zwischen den beiden, die sich, befeuert von Folkrock-Songs von Michael Regner und Liedern von Ani Di Franco oder Fink, auch auf den Zuschauer überträgt. Gut, dass der beharrliche Regisseur – der seinen Film eigentlich schon 2013 drehen wollte, aber daran scheiterte, dass ein ängstlicher Sender im letzten Moment kalte Füße bekam – an seinem herrlich entschleunigenden Liebesfilm festgehalten hat.

Quelle: teleschau – der Mediendienst